Austritt? Krisengespräch zwischen Esken und Thierse ohne Ergebnis

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die SPD-Vorsitzende Saskia Esken haben am Mittwochnachmittag eine gute halbe Stunde miteinander telefoniert. Esken habe den Kontakt gesucht, berichtete der „Spiegel“ am Mittwochabend.
Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die SPD-Vorsitzende Saskia Esken haben am Mittwochnachmittag eine gute halbe Stunde miteinander telefoniert. Esken habe den Kontakt gesucht, berichtete der "Spiegel" am Mittwochabend.

Wolfgang Thierse –Foto MarkwatersDreamstime.com

Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und die SPD-Vorsitzende Saskia Esken haben am Mittwochnachmittag eine gute halbe Stunde miteinander telefoniert. Esken habe den Kontakt gesucht, berichtete der „Spiegel“ am Mittwochabend. Auslöser war eine Einladung von Esken und Parteivize Kevin Kühnert zu einer parteiinternen Diskussion. Darin hatten sich beide „beschämt“ über SPD-Vertreter gezeigt, die ein „rückwärtsgewandtes Bild der SPD“ zeichneten. Damit dürfte die Rolle von Gesine Schwan bei einer Podiumsdiskussion gemeint gewesen sein, vor allem aber ein Gastbeitrag Thierses in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über Identitätspolitik.

In einem Schreiben an Esken hatte Thierse darum gebeten, ihm öffentlich mitzuteilen, ob sein „Bleiben in der gemeinsamen Partei weiterhin wünschenswert oder eher schädlich“ sei. Er habe Zweifel, wenn sich zwei Mitglieder der Parteiführung von ihm distanzierten. Esken bestätigte dem Magazin das Telefonat. „Ich bin froh, dass wir den Gesprächsfaden aufgenommen haben und dass wir vereinbart haben, weiter im Gespräch zu bleiben“, sagte sie. „Wolfgang Thierse ist für uns ohne jeden Zweifel ein verdienstvoller Sozialdemokrat, und nichts läge mir ferner als mich von ihm zu distanzieren.“

Thierse erhielt auch Unterstützung aus dem Raum der katholischen Kirche

Am Ende des Telefonats stand nach Spiegel-Informationen keine klare Vereinbarung, wie es nun weitergehen soll. Beide Seiten hätten ihre Standpunkte erläutert, hieß es. Thierse habe betont, dass es nicht um ihn, sondern um die politische Kultur in Deutschland gehe, um die Sozialdemokratie und deren Zukunft. Esken soll betont haben, dass sie mit ihren Aussagen gegenüber der queeren Communty nicht speziell Thierse gemeint habe. Es sei ihr darum gegangen, ein Signal an die betroffene Community zu senden. Thierse geht nach wie vor davon aus, dass vor allem er gemeint gewesen sei. Esken sagte dem Magazin, sie bleibe mit Thierse „im Austausch über sozialdemokratische Wege für eine Gesellschaft, die Diskriminierung und Ausgrenzung überwindet“.

Thierse, der über Jahre Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken war, hatte am Mittwoch auch Unterstützung aus dem Raum der katholischen Kirche erhalten. Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer erklärte auf Twitter, Thierse habe „eindringlich auf gravierende Probleme in der Debattenkultur unserer pluralen Gesellschaft aufmerksam“ gemacht. Eine pluralistische Gesellschaft benötige einerseits eine Debattenkultur, in der Unterschiedlichkeiten formuliert werden könnten; andererseits müssten aber auch die gemeinsamen Grundlagen des Zusammenlebens deutlich werden.

Auch die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann verteidigte die Kritik des SPD-Politikers an einer linken wie rechten Identitätspolitik. Wer in gesellschaftlichen Streitfragen eine unbequeme Meinung vertrete, dürfe nicht schon deshalb moralisch disqualifiziert werden, weil er eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht habe, forderte Ackermann in einer Online-Veranstaltung der Berliner Katholischen Akademie. Die Heidelberger Hochschulprofessorin plädierte dafür, unterschiedliche Meinungen nach ihren Argumenten und nicht nach der Person zu bewerten, die sie vertritt.

Von Christoph Arens (KNA)