Sucht nach Aufmerksamkeit

Die Sichtbarkeit in Sozialen Medien ist eine der wichtigsten Währungen geworden – und führt bei vielen Menschen zu erhöhtem Stress.

Charterfolge mit epischem Gitarrensolo werden seltener – das beobachten nicht nur Liebhaber guter alter Rockmusik. Zwischen 2013 und 2018 wurden die Lieder in den amerikanischen Billboard-Hot-100-Charts im Durchschnitt 20 Sekunden kürzer. Das berichtete unlängst das Portal qz.com – und machte in erster Linie die Bezahlmodelle von Streamingdiensten für diesen Trend verantwortlich.

(Symbolfoto: pixabay)

Musik ist kein Einzelfall. Tatsächlich scheint die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne kürzer zu werden. „Wir stehen nur fünf Minuten in der Schlange im Cafe, aber schon diese fünf Minuten sind zu viel – wir holen unser Handy raus“, so beschrieb der Psychologe Marc Wittmann kürzlich in „Zeit Campus“ ein Phänomen, das vielen bekannt vorkommen dürfte. Gefühlt dehne sich die Zeit. Das Smartphone biete den Ausweg der Ablenkung. Allerdings, so Wittmann, bleibe von den oberflächlich aufgenommenen Informationen oft kaum etwas hängen – und viele Menschen fühlten sich durch die immer schnelleren Abläufe gestresst.

Das beobachtet auch die Kommunikationswissenschaftlerin Bianca Kellner-Zotz. „Wir verlieren den Blick für das Wesentliche, rasen von Höhepunkt zu Höhepunkt, lassen uns ständig von Reizen überfluten.“ Und diese Reize werden längst nicht mehr nur von klassischen Medien gesendet. Vielmehr sei die massenmediale Logik der Aufmerksamkeitsmaximierung „in viele andere gesellschaftliche Bereiche hineindiffundiert“, so Kellner-Zotz.

Das bedeutet zugleich: Wer möchte, dass das eigene Leben öffentlich stattfindet, muss auffallen. „Der Durchschnittsmensch wünscht sich, dass andere ihn als aktiv, modern und außergewöhnlich wahrnehmen. Diese Sehnsucht ist nicht neu, hat aber durch die Folie der Medien eine neue Qualität bekommen“, sagt die Forscherin. Entscheidend verstärkt habe sich dieser Wunsch durch die Einführung des Privatrundfunks in den 1980er Jahren sowie durch den Siegeszug von Internet und Sozialen Medien.

In seinem Buch „The Attention Merchants“ schlägt der US-Rechtswissenschaftler Tim Wu einen noch weiteren Bogen: von der Plakatwerbung über Zeitungsanzeigen bis hin zur heutigen personalisierten Werbung. Das Geschäft mit der Aufmerksamkeit gipfelt demnach vorerst in Facebook, Instagram und Co. „Unsere Gesellschaft honoriert sichtbare Leistungen und Aktivität“, sagt Kellner-Zotz. „Wer nicht ständig beschäftigt ist – und hier zählen vor allem ein angesehener Beruf und tolle Freizeitbeschäftigungen -, der bekommt keine Aufmerksamkeit.“

Die Folgen beschreibt die Expertin in ihrer Studie „Das Aufmerksamkeitsregime – Wenn Liebe Zuschauer braucht“. Um Motto-Hochzeiten, groß gefeierte erste Schultage und perfekt inszenierte Küchen geht es darin – Inhalte, die der Forscherin zunächst trivial vorkamen. „Ich rechnete mit verständnislosem Kopfschütteln“, erklärt sie. Tatsächlich sei ihr Projekt auf großes Interesse gestoßen. „Jeder spiegelte mir, dass es einen Wandel im Familienalltag gegeben habe, der negative Auswirkungen hat.“

Daraus ergeben sich nach den Beobachtungen von Kellner-Zotz widersprüchliche Situationen: So wollten viele Eltern, dass die eigenen Kinder bodenständig bleiben – zugleich sollten sie aber auch mit Gleichaltrigen „mithalten“ können. Kindergottesdienste müssten bisweilen wie Theatervorstellungen gestaltet werden, allerdings gebe es wenig Zeit und Bereitschaft, selbst mitzuwirken. Sich dem Druck zu entziehen, werde indes schwieriger, so die Expertin: „Wenn Sie nicht im Elternchat sind, werden Sie schräg angesehen“, erklärt sie. Vielen Betroffenen sei zudem selbst nicht klar, wie sehr es sie stresse, das eigene Glück ständig zu dokumentieren – in der Hoffnung auf Anerkennung.

Um dieser Spirale zu entkommen, haben die Fachleute konkrete Tipps. Wittmann empfiehlt, das Smartphone gelegentlich bewusst zu Hause zu lassen. „Ich glaube, man kann den Kampf gegen das Handy nur verlieren, wenn es tatsächlich immer dabei ist.“ Kellner-Zotz rät Familien zu gemeinsam verbrachter Zeit – ohne Unternehmungen. Ein Vorsatz, sagt sie, könne lauten: „Wir bleiben einfach mal zu Hause.“

Paula Konersmann (kna)
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