In welche Richtung geht der Wiederaufbau von Notre-Dame?

Vor einem halben Jahr hielt die Welt den Atem an: Notre-Dame in Flammen! Nur knapp konnte das Pariser Wahrzeichen vor dem Einsturz gerettet werden. Bislang unbeantwortet: Wie lange dauert der Wiederaufbau?

Mitternacht war die Stunde des Pathos, genährt durch Entsetzen wie auch Erleichterung. Nachdem die Einsatzleitung mitgeteilt hatte, dass die brennende Kathedrale Notre-Dame gerettet werden kann, trat Staatspräsident Emmanuel Macron vor die Mikrofone und versicherte der geschockten Nation: „Wir werden diese Kathedrale gemeinsam wieder aufbauen“ – und zwar schöner als je zuvor und binnen fünf Jahren.

Es sollte ein Trost sein für die Franzosen, die schwankten zwischen ungläubigem Kopfschütteln und Stoßseufzern. Einerseits waren die Schäden riesig; andererseits fehlte nicht viel, dass eine der wichtigsten Kirchen der Welt rettungslos verloren gewesen wäre. Doch offenbar hat die Pariser Feuerwehr an jenem 15. April 2019, vor einem halben Jahr, das allermeiste richtig gemacht. Rund 400 Einsatzkräfte kämpften wie die Löwen.

Immense Bleikonzentration

Die Schadensaufnahme: der Dachstuhl, die originale Eichenkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert – verloren. Teile der Gewölbekuppeln: eingestürzt. Eines der ersten Opfer war der 96 Meter hohe hölzerne Vierungsturm aus dem 19. Jahrhundert. Er brach unter den Flammen und dem Stöhnen der Bevölkerung am Seine-Ufer in sich zusammen.

Temperaturen von bis zu 1.000 Grad, Rauch, aber auch Löschwasser, teilweise verschmutzt, fügten dem historischen Mauerwerk schwerste Schäden zu. Dazu kommt eine immense Bleikonzentration in und um die Kirche, Hinterlassenschaft der geschmolzenen Dächer. Dieses Gesundheitsrisiko besorgt vor allem die Anwohner, aber natürlich auch Arbeiter und Restauratoren.

Prozedere kostet viel Zeit

Die Arbeiten werden durch das Bleiproblem arg verlangsamt. Der Rektor der Kathedrale, Patrick Chauvet, beklagte zuletzt, dass die Vorsorgemaßnahmen die Arbeiten seit der Wiedereröffnung der Baustelle Mitte August stark verzögerten. Wegen der starken Bleibelastung müssten sich die Arbeiter jedes Mal zu Beginn komplett entkleiden und eine Arbeitsmontur anlegen; beim Verlassen der Baustelle müssten sie duschen, manchmal mehrmals am Tag. Allerdings gebe es an Notre-Dame keine Toiletten. Das Prozedere stehle also viel Zeit.

Selbst die Einsturzgefahr scheint ein halbes Jahr nach dem Brand noch nicht endgültig gebannt. Noch immer fallen Steine herunter, und die Verantwortlichen blicken mit Sorge auf die anstehenden Herbststürme. Dafür scheint in die anfangs hitzig geführte Debatte um Tempo und Stil des Wiederaufbaus zuletzt scheinbar mehr Ruhe und Besonnenheit eingekehrt.

Zwischen Tradition und Moderne

Auch von dem forschen Ex-General Jean-Louis Georgelin, den Präsident Macron aus dem Ruhestand geholt und zu seinem Feldmarschall für den Wiederaufbau ernannt hatte, sind zuletzt keine markigen Töne mehr zu hören wie etwa, einem französischen General sei „nichts unmöglich“. Kirchenverantwortliche loben seine Bemühungen, die am Wiederaufbau Beteiligten zu konzertieren.

Für einige Furore hatte ein Architektenwettbewerb gesorgt, befeuert auch durch Macrons Appelle für einen „erfinderischen“ Wiederaufbau „zwischen Tradition und Moderne“ und einen „respektvollen Wagemut“. Was es da nicht alles an Vorschlägen gab: ein gläsernes Dach wie beim Berliner Reichstag von Sir Norman Foster; ein riesiges Treibhaus, vielleicht zur Tomatenzucht. Und ein schwedisches Büro will gar ein Schwimmbad auf dem Dach von Notre-Dame errichten.

„Keine Obsession“

Natürlich: Die Pariser haben wenig Scheu vor krassen Entwürfen; das Centre Pompidou, der Eiffelturm, der Arc de Triomphe, die Glaspyramide am Louvre oder Sacre-Coeur auf dem Montmartre zeugen davon. Doch Frankreichs Senat baute in das Wiederaufbau-Gesetz einen Zusatz ein, demgemäß die Renovierung nach dem „letzten bekannten Zustand“ erfolgen solle. Mittlerweile scheinen eher die Rufe der Denkmalpfleger um Chefarchitekt Philippe Villeneuve durchzudringen: nach einer gründlichen Bestandsaufnahme und Sicherung statt eines hektischen Aktionismus; aber auch nach einer originalgetreuen Rekonstruktion statt modernistischer Experimente.

Bis auf die notwendigen Sicherungsmaßnahmen sind bislang noch keine Richtungsentscheidungen gefällt. Und zuletzt äußerten sich Verantwortliche des Staates eher defensiv. Kulturminister Franck Riester sagte Mitte September dem „Parisien“, die Arbeiten zur Stabilisierung des Bauwerks dauerten noch bis Anfang 2020 an. Man sei nicht „auf einen Kalender fokussiert“; er spüre keinen Druck, und es gebe „keine Obsession“.

380 Millionen Euro für Instandsetzung

Die Finanzierung scheint einstweilen auf sichereren Füßen zu stehen als die Gewölbe selbst. Ende September gaben die Großspender der Unternehmerfamilien Pinault und Arnault insgesamt 380 Millionen Euro für die Instandsetzung frei. Im Spätsommer waren nach Angaben des Kulturministeriums von den zunächst zugesagten Spenden von insgesamt rund 850 Millionen erst gut zehn Prozent eingegangen.

Inmitten all der Diskussionen bemüht sich die Kirchenleitung, Zeichen geistlichen Lebens zu setzen. Im Juni feierte der Pariser Erzbischof Michel Aupetit in einer Seitenkapelle die erste Messe nach dem Großbrand – mit Schutzhelm. Die Architektenidee einer Übergangskathedrale auf dem Vorplatz von Notre-Dame ist vom Tisch. Stattdessen finden die Gottesdienste in einer nahe gelegenen Kirche statt.

Idee eines Übergangsgebäudes

Die Idee eines Übergangsgebäudes auf dem Vorplatz ist aber weiter lebendig. Es brauche einen Ort des Empfangs für die Millionen Touristen, die normalerweise Notre-Dame besuchen, so Rektor Chauvet. Seit dem Brand sei das Viertel tot, die Geschäfte seien zum Erliegen gekommen. Und eine Boutique könne auch zur Finanzierung der Baustelle beitragen.

Von Alexander Brüggemann (KNA)
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