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Virologe Drosten rechnet wegen Heimen mit steigenden Todesraten

Angesichts steigender Infektionszahlen in Altenheimen rechnet der Virologe Christian Drosten von einer neuen Phase der Corona-Pandemie in Deutschland aus. „Wir sehen jetzt in diesen Tagen die Eintragungen zum Beispiel in Seniorenpflegeheime und haben hier dann den Beginn einer neuen Entwicklung“, sagte Drosten am Montag im NDR-Podcast. Zu rechnen sei auch mit steigenden Sterblichkeitsraten.

(Symbolfoto Gerd Altmann/Pixabay)

Bisher habe Deutschland bei den Infektionsketten Glück gehabt: Infiziert hätten sich zunächst vor allem jüngere, sportliche Leute wie Skifahrer und Karnevalsflüchter, die das Virus aus dem Urlaub eingeschleppt und es in ihren ungefähr gleichaltrigen Netzwerken verbreitet hätten. Diese Menschen erlebten zum größten Teil milde Krankheitsverläufe. Jetzt seien vermehrt ältere Menschen in Alten- und Pflegeheimen betroffen.

Ein Ansteigen der Fallsterblichkeit lasse sich bereits beobachten, sagte Drosten. Sie liege nicht mehr bei 0,2 bis 0,4, sondern im Bereich 0,8 Prozent. Hinzu komme, dass man bei der Diagnostik nicht mehr einer exponentiellen Entwicklung hinterherkommen könne: „Ich glaube nicht, dass wir unsere jetzige Testkapazität realistischerweise noch deutlich steigern können“, sagte Drosten. Es sei deshalb zunehmend wichtiger, die richtigen Gruppen zu testen.

Unterdessen ordnete das Land Niedersachsen nach dem Tod mehrerer mit dem Coronavirus infizierter Pflegebedürftiger in Wolfsburg einen Aufnahmestopp für Pflegeheime an. „Die Entwicklungen lassen uns keine andere Wahl als noch härtere Bandagen anzulegen und weitere Maßnahmen anzuordnen“, sagte Gesundheitsministerin Carola Reimann vor Journalisten in Hannover.

Ausnahmen gibt es nur, wenn eine 14-tägige Quarantäne für neue Bewohner gewährleistet ist oder wenn die Neuaufnahme in einer singulären Kurzzeitpflegeeinrichtung oder Reha-Einrichtung erfolgt, die gezielt für diese Funktion hergerichtet wurde. Die SPD-Politikerin appellierte zudem an Angehörige, auf Besuche älterer Angehöriger zu verzichten. Es gebe viele Hinweise, dass die Besuchsverbote für Alters- und Pflegeheime nicht beachtet worden seien.

Auch Sicht der Linken-Bundestagsfaktion zeigen die vermehrten Infektions- und Todesfälle in Pflegeheimen eine verfehlte Pflegepolitik der vergangenen Jahrzehnte. „Seit Wochen werden Menschen mit Pflegebedarf zurecht als besonders zu schützende Gruppe benannt. Doch geschützt wurden und werden sie völlig unzureichend. Das ist beschämend“, erklärt die Pflegeexpertin der Partei, Pia Zimmermann.

Menschen in Pflegeheimen würden schon unter Normalbedingungen nicht nach ihrem Bedarf und ihren Bedürfnissen versorgt. Doch die jetzige Corona-Krise offenbare, wie tödlich der Mangel im Normalbetrieb werde, fügte Zimmermann hinzu: „Nur durch wirkliche Bezugspflege von Fachkräften werden die kleinen Veränderungen bei dementiell Erkrankten bemerkt, die auf weitere mögliche Erkrankungen hinweisen. Doch gerade diese Bezugspflege findet seit Jahren nicht statt. Die Menschen in den Pflegeheimen werden dem auf Effizienz getrimmten System geopfert.“

kna
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