Warnungen vor Verschwörungsmythen und Extremismus

Der Präsident des thüringischen Verfassungsschutzes, Stephan J. Kramer, sieht in der Corona-Pandemie einen möglichen „Katalysator“ für die rechtsextreme Szene. Besonders im Internet seien Verschwörungstheoretiker, Rassisten und Antisemiten aktiver denn je, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag).

Verschwörungstheorien

(Ssymbolfo: Omni Matryx/Pixabay)

„Manche verbreiten, Flüchtlinge hätten das Virus eingeschleppt. Andere versteigen sich darauf, dass Corona eine jüdische Biowaffe sei (…)“, so Kramer. „Da fliegt ganz krudes Zeug durcheinander.“ Dies falle bei vielen verunsicherten, verängstigten und damit gestressten Menschen auf fruchtbaren Boden.

Dunkle Seiten in der Gesellschaft

Durch die Krise kämen nicht nur die guten, sondern „auch die dunklen Seiten in der Gesellschaft hervor“, betonte der Ex-Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dies zeige sich etwa in der Debatte um eine mögliche Isolation von Alten und chronisch Kranken. „Da ging es zwischen den Zeilen auch darum, dass diese Gesellschaft zu verweichlicht sei, und wenn einige der Schwachen sterben müssten, dann sei das eben so, survival of the fittest“.

Derart „zynische, sozialdarwinistische Sprüche“ kämen nicht nur von Rechtsextremen, sondern auch von „Normalbürgern“, so Kramer. „Das zeigt, wie die Radikalisierung unserer Gesellschaft auch Menschen erfasst, die dem Rechtsstaat bislang treu waren.“ Trotzdem wolle nicht jeder, der wütend ist, gleich das System stürzen.

Mit Dialog begegnen

Der Wut vieler Menschen müsse man mit Dialog, Austausch, einem Gemeinschaftsgefühl, „von mir aus auch Patriotismus“ begegnen, so Kramer. „Wenn wir diese Bedürfnisse als Demokraten nicht bedienen, tun das andere, zum Beispiel die Neue Rechte.“ Rassistische Parolen verfingen nicht nur in Ostdeutschland. „Wenn Sie sich anschauen, was im Ruhrpott los ist oder in Teilen Norddeutschlands – die sind nicht weit von dem entfernt, was Sie auch hier zu hören kriegen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches, ein gesamtdeutsches Problem.“

Im Zusammenhang mit den Demonstrationen gegen die Corona-Politik in Deutschland wendet sich der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, gegen die weitere Verwendung des Begriffs „Verschwörungstheorie“. Dem Portal watson.de sagte er: „Antisemiten und Rassistinnen lieben den Begriff ‚Verschwörungstheorie‘, weil er ihren Verschwörungsvorwürfen eine höhere Würde verleiht.“

„Verschwörungsglaube“ als Ausdruck für die große Erzählung hinter den Mythen

Zu den Erzählungen von angeblichen versteckten Plänen geheimer Eliten im Zusammenhang mit dem Coronavirus sagte Blume: „Wer diese Dinge als Verschwörungstheorie bezeichnet, der hat eigentlich schon verloren.“ Blume plädiert dafür, stattdessen den Ausdruck „Verschwörungsmythen“ zu verwenden, wenn es um einzelne Episoden geht, die mit angeblichen Verschwörungen erklärt werden.

„Verschwörungsglaube“ ist der Ausdruck, den Blume für die große Erzählung hinter den Mythen vorschlägt: also etwa die auf mehreren Corona-Demonstrationen wiederholt verbreitete Vorstellung, dass Microsoft-Gründer Bill Gates hinter der Corona-Politik vieler Regierungen stecke.

Ideologie könne meist auch nicht mehr diskutiert werden

Von „Verschwörungsideologie“ könne man sprechen, wenn Menschen überzeugt seien, dass fast hinter allem Übel der Welt Verschwörungen steckten. Diese Ideologie könne meist auch nicht mehr diskutiert werden. „Es ist dann völlig egal, was schiefgeht: Es wird immer auf dasselbe Feindbild zurückgeführt.“ Zur Gefährlichkeit von Verschwörungsmythen sagte Blume: „Verschwörungsmythen werden die Demokratie nicht zerstören. Aber sie könnten weiter zu einzelnen Gewalttaten führen.“

Von Inga Kilian und Leticia Witte (KNA)