Theologe Hans Küng gestorben

Der Theologe Hans Küng ist tot. Das teilte das Projekt Weltethos am Dienstag mit. Der Schweizer Theologe starb am Dienstag im Alter von 93 Jahren in Tübingen.
Tübingen – Der Theologe Hans Küng ist tot. Das teilte das Projekt Weltethos am Dienstag mit. Der Schweizer Theologe starb am Dienstag im Alter von 93 Jahren in Tübingen.

Foto: Stiftung Weltethos/Sommer

Der Theologe Hans Küng ist tot. Das teilte das Projekt Weltethos am Dienstag mit. Der Schweizer Theologe starb am Dienstag im Alter von 93 Jahren in Tübingen. Der von 1960 bis 1996 in Tübingen lehrende Schweizer hat die katholische Kirche maßgeblich mit geprägt. Seine Bücher wurden Bestseller. In den vergangenen 30 Jahren engagierte er sich vor allem für den Dialog der Weltreligionen, insbesondere im „Projekt Weltethos“.

Küng sah sich als „loyalen katholischen Theologen“

Die Gründung eines entsprechenden Institutes an der Universität Tübingen 2011 bezeichnete er als Anerkennung dieser Arbeit. „Nicht zuletzt, weil meine Jahre gezählt sind und ich möchte, dass mein Lebenswerk nach meinem Tod fortgeführt wird“, sagte Küng damals. Hinter dem Projekt steht die Überzeugung, ohne Frieden unter den Religionen könne es keinen Frieden unter den Staaten geben. Küng hatte 1990 das Buch „Projekt Weltethos“ veröffentlicht und war darin in Anlehnung an die Philosophie Immanuel Kants der Frage nach einer alle Menschen und alle Religionen verbindenden Wertehaltung nachgegangen. Küng erhielt viele Auszeichnungen, darunter mehr als ein Dutzend Ehrendoktorwürden.

1979 hatte Rom ihm die Lehrerlaubnis entzogen, unter anderem wegen Kritik an der Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes. Als Papst Benedikt XVI. 2005 Küng in Castel Gandolfo empfing, sorgte das weltweit für Aufsehen. Dabei ging es um das Weltethos-Projekt und das Verhältnis von Naturwissenschaft, Vernunft und Glaube, nicht um kirchliche Lehrfragen. Danach gab es einen Briefwechsel zwischen dem später zurückgetretenen Papst und Küng. Seit Anfang der 1960er Jahre, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), hatte sich der Konflikt um Küng angebahnt, bei dem es auch um die Frage ging, wie Jesus Christus verstanden werden soll. Küng plädierte immer wieder für eine innerkirchliche Erneuerung und eine ökumenische Öffnung mit dem Ziel der Vereinigung der Kirchen.

Bücher mit Millionenauflage in 30 Sprachen übersetzt

Küng sah sich als „loyalen katholischen Theologen“. Seine Bücher mit Millionenauflage wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. 2015 begann der Herder Verlag eine auf 48 Bände angelegte Herausgabe seiner gesammelten Werke. Zu den bekanntesten Büchern zählen „Unfehlbar?“ „Christ sein“, „Existiert Gott?“ und „Projekt Weltethos“. Küng, der auch die Zeitschrift für Theologie „Concilium“ mitbegründete, erhielt auch Ehrenbürgerwürden, das Bundesverdienstkreuz mit Stern und wissenschaftliche Preise. Den letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Küng im Frühjahr 2018. Die Stiftung Weltethos und die Universität hatten zu seinem 90. Geburtstag ein wissenschaftliches Symposium ausgerichtet, an dem unter anderen viele theologische Schüler Küngs teilnahmen und eine Bilanz seines Schaffens zogen.

Am 15. Dezember 1979 entzog die römische Glaubenskongregation dem Tübinger Theologen Hans Küng die kirchliche Lehrerlaubnis. Sollte der Vatikan sein Handeln als Akt der Disziplinierung eines aufmüpfigen Wissenschaftlers verstanden haben, so ging der Schuss kräftig nach hinten los.  Zwar bezeichnete Küng auch im Rückblick die Phase nach dem Entzug der Berechtigung zur Ausbildung katholischer Theologiestudenten als die schlimmsten Monate seines Lebens, die er auch seinen erbittertsten Gegnern nicht wünschen könne. Aber er verschwand nicht von der akademischen Bildfläche. Als Novum in der deutschen Universitätsgeschichte erhielt Küng, seit 1960 Professor für Theologie und dort zeitweise Kollege des späteren Papstes Joseph Ratzinger, einen fakultätsunabhängigen Lehrstuhl für Ökumene.

Große öffentliche Wirkung

Küngs Bücher entfalteten eine für die heutige Theologengeneration völlig unvorstellbare öffentliche Wirkung. Seine Texte wurden in fast jeder Tageszeitung besprochen, die Bücher in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und die Gesamtauflage geht in die Zigmillionen. Medial etablierte sich das von Küng stets bekämpfte, aber gleichzeitig gefütterte Bild vom Rebellen, Kirchenkritiker und Gegenspieler des Papstes. Gleichzeitig waren es die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, die Küng empfingen oder eine handschriftliche Korrespondenz mit dem Gescholtenen pflegten.

Über den genauen Anlass, Küng von der Lehrerlaubnis zu entbinden, gibt es bis heute unterschiedliche Sichtweisen. Sicher ist, dass schon in den späten 1950er Jahren in Rom eine Akte mit dem Namen des Schweizers angelegt wurde. Dabei ging es um eine ganze Reihe ernster theologischer Lehrfragen. Aber vieles spricht dafür, dass erst das 1970 veröffentlichte Buch mit dem schlichten Titel „Unfehlbar?“ das römische System wirklich alarmierte. Denn darin ging es um den Wahrheitsanspruch des kirchlichen Lehramtes und die Verbindlichkeit von dessen Aussagen.

Der Bundespräsident kam Küng zu Ehren nach Tübingen

Küng blieb indes nach eigenem Bekunden ein „loyaler katholischer Theologe“. Wissenschaftlich wandte er sich zunächst dem Dialog zwischen den christlichen Konfessionen und dann dem Dialog der Weltreligionen zu. Sein „Projekt Weltethos“ sieht er als „ethisches Koordinatenkreuz“, er spricht von moralischen Standards und verweist auf die goldene Regel „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ im Anschluss an Kant. Diese Idee vermittelt die Stiftung Weltethos in Vorträgen und an Schulen.

Küng bewarb sie bei Staatsmännern und Religionsführern, einer davon war Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan. Das „Projekt Weltethos“ war es auch, über das Küng 2005 im Gespräch mit Benedikt XVI. nach dessen Wahl«vier Stunden sprach. Es war eine persönliche Unterhaltung – schlicht eine Sensation. Das laut Vatikan „brüderliche Gespräch“ war so etwas wie gegenseitige Anerkennung.

Hoher Stellenwert

Welchen Stellenwert Küng auch außerhalb kirchlicher Milieus genießt, zeigte sich Mitte Oktober. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war nach Tübingen gekommen, um in einer Weltethosrede aus „Respekt für und Verehrung von Hans Küng“ dessen Wirken zu würdigen. Steinmeier zählte Küng mit dem Philosophen Jürgen Habermas „zu den beiden heute wohl weltweit bekanntesten lebenden deutschsprachigen Geisteswissenschaftlern, die nicht Papst geworden sind“. Küng selbst, wegen einer Parkinson-Erkrankung heute weitgehend zurückgezogen , konnte alles im Livestream verfolgen.

Durch einen Briefaustausch mit Franziskus sieht sich Küng inzwischen auch kirchlich „quasi informell“ rehabilitiert. Er sprach über einen „handgeschriebenen, brüderlichen Brief“ und betonte, eine öffentliche Rehabilitierung durch Rom sei ihm „nicht so wichtig“. Es gehe darum, dass es für die Menschen und für die Kirche vorangehe. Denn eigentlich, erzählte Küng einmal, wollte er nach der Priesterweihe 1954 Jugendseelsorger im Kanton Luzern werden. Es kam anders.

kna

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