Theologe Essen: Papst-Brief an Kardinal Marx ist Symbolpolitik

Der katholische Theologe Georg Essen hat die Reaktion von Papst Franziskus auf den vom Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, angebotenen Amtsverzicht als „Symbolpolitik“ kritisiert.
Berlin – Der katholische Theologe Georg Essen hat die Reaktion von Papst Franziskus auf den vom Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, angebotenen Amtsverzicht als "Symbolpolitik" kritisiert. Das ablehnende Antwortschreiben von Franziskus vom 10. Juni sei wie eine "Zwiesprache von Bruder zu Bruder, die wiederum durchherrscht wird vom Gehorsam, den der eine dem anderen schuldet", sagte Essen in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag auf dem Presseportal der Berliner Humboldt-Universität (HU). Es sei "ein frommer Brief über Schuld und Vergebung" bei Missbrauch, in dem die Opfer nirgends vorkämen. Deren Perspektive spiele zwar bei Marx, nicht jedoch im päpstlichen Antwortschreiben eine Rolle.

Georg Essen (Foto: Pressestelle RUB)

Der katholische Theologe Georg Essen hat die Reaktion von Papst Franziskus auf den vom Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, angebotenen Amtsverzicht als „Symbolpolitik“ kritisiert. Das ablehnende Antwortschreiben von Franziskus vom 10. Juni sei wie eine „Zwiesprache von Bruder zu Bruder, die wiederum durchherrscht wird vom Gehorsam, den der eine dem anderen schuldet“, sagte Essen in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag auf dem Presseportal der Berliner Humboldt-Universität (HU). Es sei „ein frommer Brief über Schuld und Vergebung“ bei Missbrauch, in dem die Opfer nirgends vorkämen. Deren Perspektive spiele zwar bei Marx, nicht jedoch im päpstlichen Antwortschreiben eine Rolle.

Zukunft von Marx dennoch ungewiss

Der von Marx am 4. Juni angebotene Amtsverzicht wäre „die geforderte starke Ausdruckshandlung“ im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche gewesen, erklärte Essen, der das HU-Institut für Katholische Theologie leitet. „Der Erzbischof einer bedeutenden Diözese, der zugleich als Kardinal in der Weltkirche sehr einflussreich ist und obendrein zum engsten Beraterstab des Papstes gehört, bietet seinen Rücktritt an, um mit ihm auch eine Mitverantwortung für das strukturelle Versagen zu übernehmen, das den Missbrauch und seine Vertuschung allererst möglich gemacht hat“, betonte der Dogmatikprofessor. „Die Wucht einer solchen Entscheidung entspräche dem Ausmaß der Katastrophe.“

Die Zukunft von Kardinal Marx in der katholischen Kirche in Deutschland sei ungewiss, so der Institutsdirektor weiter. „Keiner vermag zu sagen, wo im deutschen Katholizismus künftig sein Platz sein wird. Aber vielleicht ist es auch gar nicht an ihm, sich – erneut – konturenstark in der Öffentlichkeit zu positionieren.“ Die Frage sei, „ob die Deutsche Bischofskonferenz alsbald wieder sprachfähig wird und starke Zeichen in der Öffentlichkeit zu setzen vermag“.

Schonungslose Aufarbeitung

Wichtig sei, dass sie „deutlich signalisiert“, dass es der Kirche in Deutschland „ernst ist mit jener schonungslosen Aufarbeitung, von der bereits seit zehn Jahren gesprochen wird“. Der Dogmatiker plädierte dafür, dass „die deutschen Bischöfe sich die Spiritualität des ‚toten Punktes‘ zu eigen machen würden, die das Rücktrittsersuchen des Münchener Erzbischofs prägt“. Marx hatte in seinem Schreiben von einem „toten Punkt“ der Kirche in Deutschland gesprochen.

Essen äußerte sich auch zu den Protesten gegen den Umgang des Kölner Erzbischofs, Kardinal Rainer Maria Woelki, mit dem Missbrauchsskandal. Trotz seiner legalen Macht sei auch ein Erzbischof „nur so lange souverän, wie er der Zustimmung der ihm Anvertrauten noch gewiss und sicher sein darf“. Die Proteste in Köln signalisierten, „dass der Kardinal die Legitimität für seine Amtsführung eingebüßt hat“. Ein solche Anerkennung könne er sich nicht selbst geben, weil sie ihm als Zuspruch von Vertrauen frei gewährt werden müsse.

kna
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