Kritik an mangelnder Transparenz in St. Urbanus

(Foto: Boris Spernol)


Die Pfarrei St. Urbanus gibt bis 2025 sieben Kirchen und weitere Gebäude auf. Viele Mitglieder der von Schließungen betroffenen Gemeinden bemängeln fehlende Transparenz und eine schlechte Informationspolitik. Denn sie wurden in den Beratungen bewusst außenvorgelassen. Am vorigen Sonntag fand nach zweieinhalben Jahren interner Beratungen erstmals hierzu eine Pfarreiversammlung statt, auf der Fragen gestellt werden durften. Schon in gut vier Wochen soll das Votum zu Pfarrei-Entwicklungsprozess (PEP) verabschiedet werden.

Wie sehr Markus Finke vielen Anwesenden aus der Seele sprach, zeigte sich am kräftigen Applaus. Nach fast zwei Stunden des geduldigen Zuhörens, bei dem öfter ein Raunen durch die Reihen der vollbesetzen St.-Urbanus-Kirche ging, leitete er am Sonntagnachmittag seine Frage mit der Bemerkung ein, dies sei zwar „eine gute Versammlung, aber warum hat sie nicht schon vor zwei Jahren stattgefunden?“ Zahlreiche Mitglieder der Gemeinden hatten sich im Vorfeld darüber empört, dass sie bislang kaum informiert waren. Dass sie nicht aktiv am Prozess beteiligt waren. Dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Sie konnten nur mehr zur Kenntnis nehmen, dass die Pfarrei, wie berichtet, sieben ihrer bislang elf Kirchen aufgeben wird.

Drei Präsentationen

In drei Präsentationen informierten Propst Markus Pottbäcker und Mitglieder von eingesetzten Arbeitsgruppen erstmals nach zweieinhalbjähriger rein interner und vertraulicher Beratung darüber, wie sie sich die Zukunft der mit 34.000 Mitgliedern größten Pfarrei des Bistums denken. Pottbäcker skizzierte die schlechte wirtschaftliche Lage des Bistums Essen als Ausgangspunkt für den Pfarrei-Entwicklungsprozess (PEP). Kirchenvorstandsmitglied Jürgen Thelen erläuterte, dass der Pfarrei ein Defizit von acht Millionen Euro drohe, wenn sie sich nicht von Gebäuden trenne. Auch gelinge es nicht mehr, „die Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen“, so Pottbäcker.

Die Pfarrei hatte sich nach seinen Worten im Juni 2015 auf einer gemeinsamen Klausurtagung von Pfarrgemeinderat (PGR), Kirchenvorstand und Pastoralteam dazu entschieden, drei Arbeitsgruppen (Pastoral, Wirtschaftlichkeit und Kommunikation) zu bilden, in die jedes der drei Gremien je zwei Mitglieder entsandte. Außerdem berief Pottbäcker die vier jüngsten PGR-Mitglieder. Bewusst habe man darauf verzichte, die Gremien der einzelnen Gemeinden oder deren Delegierten in die Beratung einzubeziehen. „Denn es geht ja darum, etwas Neues zu planen und nicht das Alte in neue Formen zu gießen“, begründete Pottbäcker.

Bei einer Klausurtagung im Juni seien dann die Ergebnisse der Arbeitsgruppen erstmals zusammengefasst worden. Erst über den Jahreswechsel waren Arbeitsgruppen in den Gemeinden mit standortspezifischen Fragen kurzfristig beschäftigt worden. Zwar sagte Pottbäcker, man versuche deren Ergebnisse noch einmal zusammenzufassen. Allerdings hatte er bereits zuvor verkündet: „Hinter dieses Ergebnis, dass wir gefunden haben, werden wir nicht zurückgehen.“ Es sei alternativlos. „Wir treffen die Entscheidung, dass wir uns von sieben Kirchenstandorten trennen und auch andere Gebäude, Gemeindeheime, werden wir aufgeben“, erklärte Sebastian Finke aus der AG Wirtschaft. Welche weiteren Immobilien das sein werden, sagte er nicht.

„Glaubenszellen“ sollen entstehen

In der geballten Fülle der Informationen erschien nicht allen Zuhörern alles transparent. Für vier Standorte besteht nach Ansicht der PEP-Arbeitsgruppen bereits jetzt keine „pastorale Notwendigkeit mehr“. Für die Standorte St. Ludgerus und St. Mariä Himmelfahrt sei die „Umorientierung pastoral und auch liturgisch nach St. Urbanus“, wie Andrea Claaßen aus der AG Pastoral formulierte, „wünschenswert“. Einerseits wurde für diese Kirchen gesagt, sie würden 2025 in ihrer Relevanz überprüft, andererseits hieß es später auf Nachfrage sehr konkret, dass sie aufgegeben werden. Bereits jetzt steht fest, dass diese drei Gemeinden fusionieren werden und die Akteure vor Ort damit ihre bisherigen Mitbestimmungs- und Entscheidungsfreiheiten verlieren werden.

Langfristig sollen alle Gemeinden im herkömmlichen Sinne aufgelöst werden und zugleich überall kleine Gemeinschaften entstehen, sogenannte „Glaubenszellen“. Wie das gelingen könne ohne geeignete Räume für Zusammenkünfte? Das wisse man noch nicht. Es wäre ja auch möglich, sich in Privaträumen oder vielleicht abends in den Kindergärten zu treffen, erklärte Daniela Lücke. Jetzt seien eben alle gefordert. Man wolle an die Stelle von „Kirchturmdenken“ nun „Netzwerkdenken“ setzen, so Claaßen.

Die Pfarrei wird an vier Standorten Schwerpunkte bilden: Außer der bereits bestehenden Sozialpastoral in Hassel (St. Michael), künftig auch Citypastoral (St. Urbanus), Familienpastoral (Herz Jesu) sowie Neuevangelisierung (St. Barbara). Dass die abgelegene Herz-Jesu-Kirche in Resse deswegen Familienkompetenzzentrum werde, weil man dort, wie Claaßen ausführte, „auf eine mitgliederstarke Kolpingsfamilie“ und auch auf eine katholische Bücherei zurückgreifen könne, vermochte offenbar – gemessen am Raunen in den Reihen – konzeptionell nicht bei allen zu verfangen. Ebenso die Erläuterung Pastor Lohofs, dass unter anderem Glaubensgespräche und eine gute Katechese die Erler Gemeinde prädestiniere. Claaßen betonte, ein Schwerpunkt bedeute „Kompetenzbündelung“ an einem Standort. Von jedem anderen Standort aus könne dort gearbeitet werden: „Jeder ist aufgefordert, sich mit seinen Talenten einzubringen“.

Viele offene Frage

Propst Pottbäcker erklärte, es gebe an den Standorten noch viel offene Fragen, was die Nachnutzung oder nötige Umbaumaßnahmen angehe. Bei allen äußeren Einsparungszwängen möchte die Pfarrei für die marode St.-Barbara-Kirche in einem größeren Rahmen Geld in die Hand nehmen. Zahlen nannte er nicht. Außerdem soll offenbar die St. Augustinus Gelsenkirchen GmbH als Betreiber des am Standort beheimaten Seniorenheims St. Josef investieren, um der Gemeinde neue Versammlungsräume zu schaffen.

Das „Problem“ bei der 1915 geweihten St.-Ludgerus-Kirche unterdessen sei, dass sie unter Denkmalschutz stehe. Notfalls müsse man sie verfallen lassen. „Das ist im Rahmen des Denkmalschutzes auch denkbar“, behauptete Pottbäcker. Das zeige das Beispiel der Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Rotthausen. Das sei zwar „die schlechteste Regelung, die ansteht“, aber man könne die Pfarrei „nicht zwingen, die Kirche zu erhalten“. Die Gemeinde, die aufgelöst werden soll, sei nun aufgefordert, sich Gedanken für eine Nach- oder Umnutzung zu machen.

Für die Kirche Heilig-Geist gebe es „eventuell einen Investor“, der auch noch einen Gottesdienstraum erhalten möchte. Für die örtliche Kita müsse noch eine Lösung gefunden werden. Die Erhaltung des Bruder-Konrad-Hauses in Erle -Middelich sei ungewiss. „Für das Michaelshaus brauchen wir dringend einen Investitionsplan und eine Bedarfsanalyse“, so Pottbäcker. Das Haus müsse konsequenter genutzt werden, Gruppen und Verbände müssten sich beschränken, der große Saal vermietet werden: „Ein solches Haus trägt sich unter keinen Umständen selber.“

Ab voraussichtlich März soll sich eine Konferenz der Gemeindeleitenden Gedanken über die Umsetzung machen. Eine Steuerungsgruppe solle dann Beschlussvorlagen für die Verantwortungsgremien der Pfarrei erarbeiten, berichtete Pottbäcker.

Eine halbe Stunde, so Lokalfunkmoderator Ralf Laskowski, der durch den Nachmittag führte, sei für Nachfragen gedacht. Doch das Redebedürfnis war weitaus größer. So führte erst das Glockengeläut zur Abendmesse um 18 Uhr zum Ende, wobei manche nicht mehr zu Wort kamen. Und die wenigsten nahmen die Einladung an, nach drei Versammlungsstunden noch zum Gottesdienst zu bleiben. Zugehört hatten sie offenbar genug.

Boris Spernol
Neues Ruhr-Wort

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