Bischof Kohlgraf: Gemeinden müssen „aus der Gemütlichkeit“ raus

Kirchengemeinden dürfen sich nach Ansicht des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf nicht darauf beschränken, ihren Mitgliedern eine heile Welt der Wertschätzung und Gemeinschaft zu bieten. Damit allein würden sie dem christlichen Anspruch nicht gerecht, sagte der 52-Jährige am Dienstagabend bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Dresden. Dem Evangelium könnten Gemeinden nur gerecht werden, wenn sie sich auch für andere öffneten. Ihre Verwurzelung in Gott befähige Christen, „aus der Gemütlichkeit auszubrechen“ und das Unterwegssein als Entscheidungsprozess zu begreifen.

Bischof Peter Kohlgraf (Foto: Bistum Mainz)

Die katholische Kirche gerate mehr und mehr in eine Minderheitensituation, so Kohlgraf. Leben werde sie zunehmend aus der bewussten Entscheidung des Einzelnen heraus. Dafür brauche es persönliche Glaubenserfahrung. Kleiner werdende Gemeinden dürften jedoch nicht zu Sekten werden. „Das wäre fatal“, betonte der Bischof. Kirchenmitglieder sollten ihren Glauben so leben, dass Nachbarn neugierig würden und nachfragten. Dazu gehöre auch, authentisch vom eigenen Glauben Zeugnis zu geben, ohne andere missionieren zu wollen.

Als Christ nach Prinzipien Gottes zu leben, bedeute, sich nicht an irdischen Maßstäben wie Macht, Geld, Einfluss und Besitz zu orientieren. Das aber sei heute nicht mehr allein Kennzeichen des Christentums. Auch Menschen ohne christlichen Glauben teilten diese Grundauffassung – „nur eben auf einem anderen Fundament“, erklärte Bischof Kohlgraf.

Häufig definiere sich die katholische Kirche noch zu stark über Macht. Sie müsse andere Formen des Miteinanders finden. Auch Vertreter der Kirche müssten ihre Position in der Öffentlichkeit heute argumentativ vertreten. „Die Leute schlucken das nicht mehr einfach, weil es ein Bischof sagt“, betonte Kohlgraf. „Da sind wir noch am Anfang.“ Die plurale Gesellschaft sei jedoch etwas Gutes und biete der Kirche Chancen. Sie müsse ihre Position klar und mit vernehmbarer Stimme äußern. Allerdings dürfe sie sich nicht von der Politik auf die Funktion einer „Werteagentur“ reduzieren lassen. „Wir vermitteln vor allem die Grundlage für Werte“, so der Bischof.

kna

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