Die Passion Christi als RTL-Live-Show in Essen: „Die größte Geschichte aller Zeiten“ modern verpoppt

RTL bringt die Leidensgeschichte Jesu in der Essener Innenstadt auf die große Bühne – inklusive einer Kreuzprozession. Eine Gratwanderung zwischen Religion und Kitsch – wie auch den Beteiligten bewusst ist.

(Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen)

In einem ist Thomas Gottschalk sich sicher: Ohne dass sich jemand auf die Füße getreten fühlt, werde man die Geschichte nicht über die Bühne bringen. Gemeint ist die Passionsgeschichte, die der private TV-Sender RTL am 8. April zur Hauptsendezeit mit einem „Musik-Live-Event“ in der Essener Innenstadt auf die große Bühne und ins Fernsehen bringen will. Mit Hilfe bekannter Schauspieler und Sänger sowie deutsche Popsongs sollen in „Die Passion“ die letzten Tage im Leben Jesu vor rund 5.000 Zuschauern vor Ort und möglichst Millionen an den Bildschirmen modern inszeniert werden.

Gottschalk wird die Geschichte erzählen. Für den ehemaligen Messdiener und Absolventen der katholischen Journalistenschule ein wichtiger Auftrag. „Ich bin in einer Zeit groß geworden, als die Geschichte noch jeder kannte.“ Die Passion Christi gehöre für ihn zum „abendländischen Kulturgut“. Auch er habe im ersten Moment Bedenken gehabt, ob eine solche Inszenierung angemessen ist. „Natürlich ist die Gefahr der Verkitschung groß.“ Aber andererseits sei die Gestaltung des Karfreitags in der Kirche auch oft genug kitschig. „Man kann sich der Geschichte kaum jemals so nähern, wie sie das verdient hat“, schließt der Entertainer.

Die Hauptrolle des Stücks wird der Sänger Alexander Klaws übernehmen. Erfahrung als Jesus konnte er bereits sammeln – zwei Mal verkörperte er den Heiland in einer Aufführung von Andrew Lloyd Webbers Musical „Jesus Christ Superstar“. Dass beide Jesus-Darstellungen natürlich grundverschieden sind, sei ihm bewusst. Dennoch sei er nun gespannt auf die neue Aufgabe. „Das Format ist aktuell wohl mit nichts zu vergleichen, auch von der Größe her“, so Klaws.

Das Schauspiel auf der Bühne bildet die eine Hälfte von „Die Passion“. Zeitgleich wird es zudem eine Prozession durch die Essener Innenstadt geben – samt einem großen, leuchtenden Kreuz, das zur Hauptbühne getragen wird. An der Prozession sollen alle Menschen teilnehmen können, unabhängig von ihrer Konfession, wie RTL-Unterhaltungschef Kai Sturm betont. Deswegen habe der Sender auch die deutsch-türkische Moderatorin Nazan Eckes als Reporterin für den Kreuzweg angefragt – „eben weil sie nicht christlich aufgewachsen ist“, so Sturm.

Das Konzept der Show ist indessen kein neues. Unter dem Titel „The Passion“ findet das Spektakel bereits seit zehn Jahren in den Niederlanden statt und hat sich dort inzwischen zum größten TV-Live-Event des Jahres entwickelt, mit über 40 Prozent Marktanteil zur Hauptsendezeit. An diesen Erfolg möchte RTL nun auch in Deutschland anknüpfen.

Für die theologische Betreuung des Stoffes hat sich der Sender wissenschaftliche Unterstützung durch den Tübinger Neutestamentler Michael Tilly besorgt. Dem evangelischen Theologen oblag es, das Drehbuch zu sichten und zu korrigieren. „An vielen Stellen musste ich sagen, das geht gar nicht.“ So habe das Manuskript ursprünglich mit der Kreuzigung geendet. „Das ist ja gerade nicht das Ende.“ Schließlich sei dann die Auferstehung mit ins Stück aufgenommen worden.

Gleichzeitig meint Tilly, die Inszenierung könne auch dienlich sein, den „richtigen Leuten auf den Schlips zu treten“. Die Botschaft Jesu sei „nie die laue Mitte“, sie solle vielmehr anecken. „Wo Gewalt, wo Hass, wo Egoismus ist, muss auch Unterhaltung Farbe bekennen.“ Ein besonderes Anliegen sei ihm deswegen die Vermeidung der Judenfeindlichkeit im Stück gewesen, wie sie etwa bei den Oberammergauer Passionsspielen noch zu Tage trete. „Friede und Liebenswürdigkeit sollten die Grundlagen der Beziehung sein. Das muss man auch offensiv vermitteln.“

Für viele der Beteiligten scheint „Die Passion“ noch eine Art Wundertüte zu sein; was am Ende dabei raus kommt, ist ungewiss. Fest steht, große Ähnlichkeiten wird es nicht geben zwischen der Kreuzigung Christi vor rund 2.000 Jahren und dem RTL-Event. Aber das ist wohl auch nicht die Absicht. Die Bühnenshow soll die „größte Geschichte aller Zeiten“ massentauglich und leicht zugänglich für jedermann erzählen. Ob dadurch ein Dialog entstehen kann, gerade mit Menschen, die ansonsten fern der Religion stehen, bleibt abzuwarten.

Von Johannes Senk (kna)
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