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Eröffnungstag: Coronavirus dämpft Andrang zu Pius XII in Vatikan-Archiven

(Foto: pixabay)

Am Eröffnungstag der Vatikan-Archive zum Pontifikat von Papst Pius XII. (1939-1958) war der Forscher-Andrang geringer als erwartet. Maßgeblicher Grund dürften Reisebeschränkungen wegen des Coronavirus sein. So musste das US Holocaust Memorial Museum nach Aussage eines Sprechers die Anreise seines Historikers verschieben.

Israel, von wo ebenfalls Forscher angemeldet waren, hat Reisebeschränkungen zu Italien verfügt. „Das Apostolische Archiv war relativ leer“, sagte Elisabeth-Marie Richter vom Seminar für Kirchengeschichte der Universität Münster/Westfalen der Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) am Montagabend.

Verhältnis von Pius zu den Juden

Richter war am Morgen die erste, die das Apostolische Vatikanische Archiv nach jahrelangem Warten betreten konnten. Sie gehört zu dem siebenköpfigen Team um den Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, das nach Rom gekommen ist, um die Archive Pius‚ XII. (Eugenio Pacelli) zu erforschen.

Richter und Kollege Sascha Hinkel haben beide an einer kritischen Edition der Akten Pacellis vor seiner Wahl zum Papst gearbeitet. Finanziert von der Deutschen Bischofskonferenz und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sollen sie speziell das Verhältnis von Pius zu den Juden untersuchen. Dieses Thema wird international mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt.

Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1942

So suchte Hinkel in Akten mit persönlichen Redevorbereitungen Pius‚ XII. nach dessen Radio-Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1942. Damals hatte der Papst beklagt, dass „Hunderttausende nur aufgrund ihrer Rasse verfolgt“ würden. Dies wird als nur schwacher Verweis auf die Judenverfolgung der Nazis gewertet. Anders als zur Weihnachtsansprache 1944 war zu der Rede von 1942 zunächst jedoch nichts zu finden.

Weitere Themen, mit denen sich das Team aus Münster befasst, sind die sogenannte Rattenlinie nach Südamerika sowie die Gründung Israels. Auf der Rattenlinie waren nach dem Zweiten Weltkrieg etliche Nazis über Italien nach Argentinien und Brasilien geflohen. Wenig bekannt ist bisher, welche Rolle dabei Mitarbeiter der Kirche spielten. Unklar ist auch, wie der Heilige Stuhl die Staatsgründung Israels im Jahr 1948 verfolgte. So dauerte es bis in die 1990er Jahre, bevor der Vatikan und Israel diplomatische Beziehungen aufnahmen.

Unterschiede bei Archivbeständen

Die meisten Akten sind nach Aussage von Richter und Hinkel in gutem Zustand. Für einzelne Sammlungen, wie etwa die des Substituten im Staatssekretariat, Giovanni Battista Montini – später Paul VI. (1963-1978) -, gelte dies nicht. Solche Unterschiede bei Archivbeständen seien aber nicht ungewöhnlich, das komme öfter vor. Es fehlten aber noch Indizes zu einer Reihe von Bereichen. Diese hätten die Archivare aber bis Juni, andere bis September zugesagt.

Für erste valide Ergebnisse der jetzt begonnen Auswertungen braucht es nach Aussage der beiden Historiker ohnehin zwei, drei Jahre. Dies gelte besonders für komplexe Themen wie das öffentliche Schweigen von Pius oder die Rattenlinie. In Einzelfragen, etwa zur Entstehung von Enzykliken, dürften Resultate schon früher zu erwarten sein.

Auschwitz-Komitee: Archive zu Pius XII. können „Lernstoff“ sein

Die Öffnung der Vatikan-Archive zum Pontifikat von Pius XII. (1939-1958) kann aus Sicht des Internationalen Auschwitz Komitees wichtige Lehren auch für die Zukunft ermöglichen. Gerade das historische Kapitel zum Verhalten dieses Papstes in der Zeit des Zweiten Weltkriegs könne „auch der gegenwärtigen Welt als Lernstoff zum richtigen Handeln dienen“, sagte der Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, am Montag in Berlin. Die Öffnung der Archive war für Montag vorgesehen.

Sie sei lange überfällig gewesen und von Überlebenden des Holocaust über viele Jahre gefordert worden, sagte Heubner. „Es ist gut, dass der Vatikan jetzt unabhängigen Forschern einen Blick in die Handlungswelt und die Verstrickungen des Papstes und anderer Vertreter der katholischen Kirche ermöglicht.“ Es sei „höchste Zeit, dass die katholische Kirche sich in Zeiten neuer antisemitischer Weltverschwörungen und antisemitischer Attacken in dieser so wichtigen historischen Frage vor der Welt und vor den Überlebenden des Holocaust ehrlich macht“.

Von Roland Juchem (KNA)
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