Faulhaber wollte Flüchtlinge aus dem Osten nach Kanada schicken

In der Online-Edition der Tagebücher des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber (1869-1952) ist ab sofort der Jahrgang 1947 abrufbar. Das teilten die Forscher des Münchner Instituts für Zeitgeschichte sowie das Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster am Mittwoch mit.

(Foto: IfZ)

Unter www.faulhaber-edition.de lässt sich unter anderem nachlesen, dass der Kirchenmann zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besonders die stetige Zuwanderung von Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten nach Bayern kritisch sah, schon allein aus konfessionellen Gesichtspunkten.

„Tanzwut der Flüchtlingsjugend“

In Bayern führte diese Entwicklung dazu, dass sich die einstmals geschlossenen katholischen, aber auch evangelischen Milieus nach dem Zweiten Weltkrieg auflösten.

Mit dem früheren Reichskanzler Hans Luther sei sich Faulhaber einig gewesen, eine „geschlossene Auswanderung der Flüchtlinge inclusive Eingeborener ins Ausland, Canada zunächst – unter kirchlicher Führung“ anzustreben. Auf diese Weise habe er gehofft, die „Überbevölkerung“ in den Griff zu bekommen, die es „unmöglich“ mache, „wieder in die Höhe zu kommen“. Anstoß habe er auch an der „Tanzwut der Flüchtlingsjugend“ genommen.

Anton Scharnagl unter Hausarrest

1947 spitzte sich indes auch der Fall des Münchner Weihbischofs Anton Scharnagl zu. Dieser stand unter anderem im Verdacht, für die Gestapo spioniert zu haben. Um seiner Verhaftung vorzubeugen, stellte ihn Faulhaber im Februar unter Hausarrest.

Amerikaner erbost gewesen über die Flut an „Persilscheinen“

Unerfreulich habe sich für Faulhaber in diesem Jahr auch das Verhältnis zur US-Besatzungsmacht entwickelt, so die Forscher. Die Amerikaner seien erbost gewesen über die Flut an „Persilscheinen“, mit denen kirchliche Würdenträger die Politik der Entnazifizierung unterliefen. Als führender Repräsentant des Katholizismus sah sich Faulhaber auch dem Vorwurf ausgesetzt, dass die Kirche sich in der NS-Zeit nicht an die Seite der Juden gestellt habe und es nun weiter unterlasse, dem grassierenden Antisemitismus vernehmbar entgegenzutreten.

Die kritische Edition der Faulhaber-Tagebücher ist ein 2015 begonnenes interdisziplinäres Langzeit-Projekt. An ihm sind Historiker, Theologen und Informatiker beteiligt. Mit 1947 liegen nun 17 von 41 Jahrgängen vor, die bis Mitte dieses Jahrzehnts vollständig publiziert sein sollen. Erschwert wird die Herausgabe dadurch, dass sich der Kardinal einer speziellen Kurzschrift bediente, die heute nur noch wenige lesen können.

kna