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Schäuble löst Debatte über Verkürzung von Sommerferien aus

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat eine Debatte über die Verkürzung der Sommerferien ausgelöst. Der Wissenschaftliche Beirat für Familienangelegenheiten beim Bundesfamilienministerium unterstützte am Freitag die Anregung des CDU-Politikers, die Sommerferien in diesem Jahr zu verkürzen. Der Deutsche Lehrerverband zeigte sich skeptisch.

Wolfgang Schäuble (Foto: © Gepapix | Dreamstime.com)

Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger sagte im Deutschlandfunk, zum jetzigen Zeitpunkt sei eine Diskussion um die Verkürzung von Sommerferien fehl am Platz. Er äußerte zugleich Zweifel am Effekt von gekürzten Ferien. Man brauche vielmehr ein gutes Gesamtkonzept, um den Lernstoff bestmöglich zu vermitteln. Der Lehrbetrieb könne derzeit nicht funktionieren, wenn sich alle Schüler gleichzeitig in der Schule befänden, fügte er hinzu. Es wären doppelt so viele Klassenräume und Lehrkräfte nötig, um die Hygienemaßnahmen einzuhalten. Das sei nicht realistisch. Stattdessen werde man verstärkt auf das Lernen zu Hause setzen müssen.

Wissenschaftliche Beirat für Familienangelegenheiten befürwortet verkürzte Sommerferien

Schäuble hatte in der „Augsburger Allgemeinen“ erklärt, er frage sich angesichts weiteren Unterrichtsausfalls, „ob die Verantwortlichen in den Ländern darüber nachdenken, die Schulferien in der Sommerzeit etwas zu verkürzen“. Ein solcher Schritt böte Schülern die Gelegenheit, den durch die Corona-Pandemie versäumten Unterrichtsstoff nachzuholen. Auch der Wissenschaftliche Beirat für Familienangelegenheiten befürwortet verkürzte Sommerferien in diesem Jahr. Die Schüler könnten die Zeit nutzen, um Lerndefizite aufzuholen, erklärte Gremienmitglied Birgit Leyendecker am Freitag. Die Psychologieprofessorin leitet die Arbeitsgruppe Familienforschung an der Ruhr-Universität Bochum.

„Die Pandemie verstärkt sehr wahrscheinlich bestehende soziale Ungleichheiten in Deutschland und belastet Familien höchst unterschiedlich“, erklärte Leyendecker. „Darum brauchen Kinder und Jugendliche in diesem Sommer vielfältige Angebote, damit sie gut in das neue Schuljahr starten können.“ Die Wissenschaftlerin verwies darauf, dass sich die Bildungsschere nach den Sommerferien besonders drastisch zeige. Kinder aus sozial schwachen Haushalten benötigten nach den Ferien mehr Zeit, um das vorher Gelernte zu aktivieren. Dieser Effekt könne durch die Corona-Krise verschärft werden.

Kürzere Ferien kämen den Angaben zufolge auch den Eltern zu Gute.

Kürzere Ferien kämen den Angaben zufolge auch den Eltern zu Gute. Viele hätten nicht mehr genügend Urlaubstage für gemeinsame freie Zeit. Mütter und Väter sorgten sich zudem, dass ihr Kind im neuen Schuljahr den Anschluss verpassen könnte. Der Wissenschaftliche Beirat für Familienangelegenheiten berät das Bundesfamilienministerium in Fragen der Familienforschung und -politik. Ihm gehören 19 Mitglieder verschiedener akademischer Disziplinen an.

Gegenwind aus drei Ländern

Die Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Niedersachsen lehnen den Vorschlag von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ab, die Sommerferien wegen der Corona-Krise zu verkürzen. „Ich finde es nicht vernünftig gegenüber Eltern, die wochenlang Homeoffice und für die eigenen Kinder Homeschooling organisiert haben, nun auch noch die Sommerferien einzuschränken“, sagte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) der „Welt“.

„Insbesondere für den Bereich Schule standen Eltern durch den Corona bedingten Heimunterricht unter großer Belastung und vor ganz neuen Herausforderungen“, so Rabe. Sinnvoll sei es, „in den Ferien auf freiwilliger Basis Lernangebote für Schülerinnen und Schüler, die das nötig haben, zu organisieren. Die Grundlage hierfür ist Freiwilligkeit.“

Sommerferien „freiwillig nutzen“

Auch Niedersachsens Kultusminister Grant Henning Tonne (SPD) hält eine Sommerferiendebatte derzeit für „nicht hilfreich“. „Aus niedersächsischer Sicht gibt es keinen Anlass, diese Debatte zu führen. Es gilt, Schritt für Schritt in einem verantwortbaren Rahmen den Schulbetrieb wieder aufzunehmen und sich um das Thema Notbetreuung zu kümmern“, sagte Tonne.

„Wenn Schülerinnen und Schüler freiwillig die Sommerferien nutzen, um Lerninhalte, die während der Schulschließungen nicht erarbeitet oder vertieft werden konnten, nachzuholen, so ist dies natürlich möglich und ausdrücklich zu begrüßen“, so Niedersachsens Kultusminister.

Gebauer: „Rückkehr zur verantwortungsvollen Normalität“

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) erteilte Schäuble ebenfalls eine Abfuhr. Im bevölkerungsreichsten Bundesland, so Gebauer, gebe es „ein ordentliches Abitur und termingerechte Ferien. Das ist die Rückkehr zur verantwortungsvollen Normalität“, betonte die Politikerin. „Eine Änderung der bestehenden Regelung zu den Sommerferien ist ohnehin nicht ohne weiteres möglich. Diese müsste von den Ländern in der Kultusministerkonferenz vereinbart werden.“

Zuvor hatten bereits der Deutsche Lehrerverband und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) abgewunken. Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger sagte im Deutschlandfunk, zum jetzigen Zeitpunkt sei eine Diskussion um die Verkürzung der Sommerferien fehl am Platz. Er äußerte zugleich Zweifel am Effekt der Maßnahme. Man brauche vielmehr ein längerfristiges Gesamtkonzept, um den Lernstoff bestmöglich zu vermitteln. Man werde vermehrt auf Nachmittagsunterricht und das Lernen zu Hause setzen müssen.

GEW spricht von einer verfrühten Debatte

Auch die GEW sprach von einer verfrühten Debatte. „Wir müssen im Moment diskutieren, wie eine schrittweise Öffnung der Schulen aussehen kann“, sagte Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft.

kna
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