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Aderlass bei Kirchen: Mehr als 540.000 Menschen treten aus

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben im vergangenen Jahr erstmals insgesamt über 500.000 Mitglieder durch Austritt verloren. Mehr als 540.000 Personen kehrten ihnen den Rücken, teilten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Freitag in Bonn und Hannover mit. Das ist ein historischer Höchststand.

(Symbolfoto: Nicole Cronauge | Bistum Essen)

In den 27 katholischen Bistümern verließen 272.771 Menschen ihre Kirche – so viele wie nie zuvor. Insgesamt gehörten 2019 noch 22,6 Millionen Menschen der katholischen Kirche an. Damit machen Katholiken 27,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

22 Prozent mehr Austritte bei evangelischen Kirchen

Den evangelischen Kirchen kehrten etwa 270.000 Menschen den Rücken – rund 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit gehörten 20,7 Millionen Menschen einer der 20 Gliedkirchen der EKD an. Das sind knapp 25 Prozent der Bevölkerung.

Der Rückgang der Mitgliederzahlen hat neben den Austritten auch demografische Gründe: Die Zahl der kirchlichen Bestattungen lag bei beiden Kirchen deutlich über der Zahl der Taufen, Eintritte und Wiederaufnahmen. Beide Kirchen verloren deshalb 2019 jeweils 400.000 Mitglieder.

Bätzing: „Nichts schönzureden“

Ob der Missbrauchsskandal eine zentrale Ursache der neuen Austrittswelle ist, liegt nahe, bleibt aber ungewiss, weil die evangelische Kirche gleich hohe Austrittszahlen verzeichnet, jedoch in der Öffentlichkeit weit weniger mit Missbrauchsfällen in Verbindung gebracht wird.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, zeigte sich besorgt: „An den heute vorgelegten statistischen Zahlen 2019 gibt es nichts schönzureden“, erklärte er: „Die Kirchenaustrittszahl zeigt, dass die Entfremdung zwischen Kirchenmitgliedern und einem Glaubensleben in der kirchlichen Gemeinschaft noch stärker geworden ist.“

„Erosion persönlicher Kirchenbindung“

Auch die rückläufigen Werte beim Empfang der Sakramente zeigten eine „Erosion persönlicher Kirchenbindung“. Die Kirche müsse sich fragen, ob sie noch die richtige Sprache spreche, um heutige Menschen zu erreichen. Auch müsse sie nach einem erheblichen Verlust von Glaubwürdigkeit durch Transparenz und Ehrlichkeit Vertrauen zurückgewinnen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, erklärte, die Kirche werde nicht tatenlos bleiben. In mehreren Zukunftsprozessen wolle sie „die Basis dafür stärken, dass sich Sinn und Bedeutung der Kirche für den Einzelnen und die Gesellschaft erschließt“. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Seelsorge, Orientierung und Solidarität für jeden einzelnen, aber auch für die Gesellschaft wichtiger denn je seien.

Bischof Kohlgraf nennt Entwicklung bedrückend

Der Mainzer katholische Bischof Peter Kohlgraf nannte die Entwicklung bedrückend: „Die gefühlte Selbstverständlichkeit, mit der wir uns als Christen in der Gesellschaft verankert wussten, verschwindet.“

Münsters Bischof Felix Genn und der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer nannten als eine Ursache den Missbrauchsskandal. Auch stelle sich die Kirche angesichts der vielen Diskussionen um innerkirchliche Reformen sehr zerrissen dar, so Genn.

Kortmann: Vertrauensverlust zieht sich weiter“

Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Karin Kortmann, sprach auf dem Kölner Portal domradio.de von dramatischen Zahlen. Die katholische Kirche verliere ihre Mitglieder verstärkt in den Bundesländern, die sehr katholisch geprägt sind. „Der Vertrauensverlust, der durch den sexuellen Missbrauch vor Jahren schon festgestellt worden ist, zieht sich weiter, weil man dieser Kirche immer noch nicht zutraut, dass sie es gut regelt und die Konsequenzen auch erkennbar sind“, sagte sie.

Die Initiative Wir sind Kirche bezeichnete die Zahlen als erschütternde Bilanz des jahrzehntelangen Herumlavierens der Kirchenleitungen. „Die immer wieder wechselnden und von den Kirchenleitungen verordneten sogenannten Pastoralkonzepte gehen an den theologischen Erkenntnissen und den Bedürfnissen der Gemeinden vorbei.“

Von Christoph Arens (KNA)
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