Jurist: Neues Missbrauchsgutachten für Köln schmerzlicher

Das neue Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln wird nach Angaben seines Verfassers Björn Gercke umfassender und schmerzlicher sein als die nicht veröffentlichte Untersuchung der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW).
Köln – Das neue Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln wird nach Angaben seines Verfassers Björn Gercke umfassender und schmerzlicher sein als die nicht veröffentlichte Untersuchung der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Der Strafrechtler widersprach am Dienstag im Kölner Internet-Portal domradio.de der Ansicht, seine Expertise werde "softer" ausfallen. Das Gegenteil sei der Fall.

Kölner Dom (Symbolfoto: pixabay)

Das neue Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln wird nach Angaben seines Verfassers Björn Gercke umfassender und schmerzlicher sein als die nicht veröffentlichte Untersuchung der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Der Strafrechtler widersprach am Dienstag im Kölner Internet-Portal domradio.de der Ansicht, seine Expertise werde „softer“ ausfallen. Das Gegenteil sei der Fall.

Auch der in der vergangenen Woche bekannt gewordene Missbrauchsfall des Düsseldorfer Pfarrers O., der zu Vertuschungsvorwürfen gegen Kardinal Rainer Maria Woelki selbst geführt hatte, werde anders als im WSW-Bericht eine Rolle spielen: „Wir gehen weit über das hinaus, was das Münchner Gutachten präsentiert“, sagte Gercke. Dort werde dieser Fall gar nicht erwähnt, „bei uns schon“.

Woelki wird Vertuschung vorgeworfen

Pfarrer O. soll Ende der 1970er-Jahre ein Kindergartenkind missbraucht haben. Woelki wird vorgeworfen, dass er den Fall 2015 wenige Monate nach seinem Amtsantritt in Köln zwar zur Kenntnis nahm, aber eine kirchenrechtliche Voruntersuchung und eine Meldung nach Rom unterließ. Der Erzbischof verwies unter anderem auf die damals schon weit fortgeschrittene Demenz des 2017 verstorbenen Pfarrers und lässt jetzt sein damaliges Vorgehen nicht nur von Gercke überprüfen, sondern auch von Papst Franziskus und dessen Experten im Vatikan.

Der Kardinal hatte zunächst ein Gutachten bei WSW in Auftrag gegeben, das den Umgang Kölner Amtsträger mit Missbrauchsfällen anhand von 15 exemplarischen Fällen beleuchtet. Vor wenigen Wochen bezeichnete er es – nach einer Prüfung durch mehrere Juristen – als methodisch fehlerhaft und ließ eine Veröffentlichung nicht zu. Gercke soll bis zum 18. März 2021 eine neue Untersuchung vorlegen. Woelki betonte wiederholt, dass er das WSW-Gutachten wie zugesagt noch nicht kenne und auch das Gercke-Gutachten erst bei der Veröffentlichung im März zu Gesicht bekommen werde.

Gercke: „Wir werden da in der Sache keine Rücksicht nehmen“

„Bereits nach relativ kurzer Zeit der Aktensichtung war für uns klar, dass wir sehr konkrete, systemische, aber auch persönliche Verantwortlichkeiten benennen werden können“, ergänzte Strafrechtler Gercke im Interview: „Wir werden da in der Sache keine Rücksicht nehmen. Das weiß der Kardinal auch.“ Er sei nicht nur Rechtsanwalt, sondern auch als Professor an der Universität Köln tätig: „Insoweit kommt eine falsche Rücksichtnahme schon mit Blick auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards für mich nicht in Betracht.“

Laut Gerke hat die Diskussion über die Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln dazu geführt, dass seine Kanzlei „mittlerweile nahezu täglich Anrufe von Betroffenen“ erhalte. Sie erzählten ihre Geschichte und drängten darauf, „dass wir alles aufdecken, aufarbeiten, alles darstellen“. Der Jurist weiter: „Ich weiß nicht, ob wir dem gerecht werden können.“ Das Gutachten könne nur „ein Teilstück auf der Wegstrecke“ in der Aufarbeitung des Missbrauchs in der Erzdiözese darstellen.

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