Bochumer finden spektakulären Löwenkopf

Bei Grabungen auf Sizilien hat ein Forschungsteam um den Archäologen der Ruhr-Universität Bochum Prof. Dr. Jon Albers einen spektakulären Fund gemacht.
Bochumer finden spektakulären Löwenkopf

–Foto: ©Selinuntprojekt Ruhr-Universität Bochum, Marc Klauß/Leah Schiebel

Bochum – Bei Grabungen auf Sizilien hat ein Forschungsteam um den Archäologen der Ruhr-Universität Bochum Prof. Dr. Jon Albers einen spektakulären Fund gemacht: Sie entdeckten unmittelbar auf einer Straße in direkter Nachbarschaft des antiken Osthafens von Selinunt einen Löwenkopf aus Marmor, der als Baudetail eines Tempeldaches Regenwasser ableiten sollte.

Der Wasserspeier ist 60 Zentimeter hoch und damit deutlich größer als ähnliche Funde aus der Region. Besonders macht ihn auch das Material, das im westgriechischen Raum selten und kostbar war. Der Löwenkopf ist ungewöhnlich gut erhalten und noch unfertig. „Ob er für den bekannten Tempel E in Selinunt oder für einen anderen, noch unbekannten Tempel gedacht war, können wir noch nicht sagen“, so Jon Albers. Den Forschenden erlaubt der Fund Rückschlüsse auf Handelsbeziehungen und technische Fertigkeiten der antiken Bewohner von Selinunt.

Bislang nur neun bekannte Tempel mit Marmorlöwen

Der Löwenkopf ist eine sogenannte Sima, also der oberste Abschluss des Daches, hinter dem sich das Regenwasser sammelte und dann abgeleitet wurde. Für diese Ableitung des Wassers verwendete man Wasserspeier in der Form von Löwenköpfen. „Während insbesondere im 6. Jahrhundert vor Christus diese Dekoration aus Terrakotta hergestellt wurde, finden sich vor allem im 5. Jahrhundert vor Christus die ersten Simen aus Stein“, erläutert Jon Albers. Besonders bekannt sind die Funde vom Heraklestempel in Agrigent und vom Siegestempel in Himera, die am Anfang dieser Entwicklung stehen und aus qualitätvollem lokalen Kalkstein geschaffen wurden. Beide hatten mit etwa 70 Zentimetern Höhe die größten Simen dieses Typs.

Der neue Fund aus Selinunt ist mit etwa 60 Zentimetern ebenfalls noch sehr hoch und deutlich größer als andere Simen der Region. Er wurde jedoch aus Marmor hergestellt, ein im westgriechischen Raum seltenes und kostbares Material. „Diesen Marmor importierte man von den griechischen Inseln – wahrscheinlich aus Paros – nach Sizilien“, so Jon Albers. „Insgesamt sind in ganz Süditalien und auf Sizilien bislang nur neun Tempel aus dem 5. Jahrhundert vor Christus bekannt, die eine Sima aus griechischem Marmor besaßen.“ Die Dächer wurden vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert entdeckt.

Ein neuer, zehnter Tempel

„Die neu gefundene Sima aus Selinunt lässt sich mit keinem dieser Tempel vergleichen und ist daher Teil eines zehnten Tempels mit einem solchen Marmordach“, folgert Jon Albers. Ob das Objekt einstmals für den bekannten Tempel E in Selinunt bestimmt war oder für einen anderen, heute noch unbekannten monumentalen Tempel, können die Forschenden noch nicht entscheiden. Die Sima war jedoch scheinbar noch nicht verbaut, denn sie ist noch nicht fertig bearbeitet.

Zwar ist der Block deutlich besser erhalten als andere Dächer mit Löwenkopfspeiern, allerdings war der charakteristische Wasserauslass noch nicht eingearbeitet. Auch fehlt die hintere Löwenmähne, und die Dekoration am oberen Abschluss der Platte ist noch nicht fertig. „Durch diesen Zustand erlaubt das Fundstück es uns, auch die Herstellungsprozesse für solche Architekturteile besser zu verstehen“, freut sich der Archäologe. „Da der Fund gleichzeitig aus der Hafenzone und dem unmittelbaren Umfeld des Werkstattviertels von Selinunt stammt, erlaubt es weitere Rückschlüsse auf die Handelskontakte der Stadt und die technischen Fähigkeiten der antiken Bewohner von Selinunt.“

prub