Johannes Paul II. – Revolutionär und Reaktionär

Friedensstifter, Superstar, Visionär – Revolutionär und Reaktionär: Für eine ganze Generation war Johannes Paul II. das Gesicht der Kirche. Er regierte zweieinhalb Jahrzehnte, zunächst kraftvoll und dynamisch, zuletzt schwer krank. Am 18. Mai wäre er 100 Jahre alt geworden.

Papst Johannes Paul II (Foto: joaoaugustof auf Pixabay)

Mehr als 26 Jahre lang leitete er die katholische Weltkirche und führte sie ins neue Jahrtausend: Die Amtszeit Papst Johannes Paul II. (1978-2005) war die zweitlängste der 2.000-jährigen Kirchengeschichte. Zudem war der Pole mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyla der erste nichtitalienische Papst nach 455 Jahren. Am 18. Mai wäre er 100 Jahre alt geworden.

Wojtyla, 1920 in Wadowice bei Krakau geboren, war tief von seiner polnischen Heimat, ihrer Geschichte und Kultur geprägt. Als junger Mann erlebte er den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung, arbeitete im Steinbruch einer Chemie-Fabrik und studierte im Untergrundseminar. Danach erlebte er im Kommunismus auch das andere totalitäre System. Als junger Priester, als Theologieprofessor und vor allem als Erzbischof und Kardinal in Krakau bewies Karol Wojtyla Stehvermögen im Umgang mit totalitären Machthabern und Funktionären.

Von den Medien als „Superstar“ gefeiert

Der Papst aus Polen erwies sich als begnadeter Kommunikator, der mit pastoraler Kreativität die Kirche förderte, ihr Ansehen und ihren Einfluss in Welt und Gesellschaft stärkte – und von den Medien als „Superstar“ gefeiert wurde. Der neue Papst pflegte einen neuen Stil, schaffte Tragsessel und majestätisches „Wir“ ab, fuhr in seiner Freizeit weiter Ski. In seiner Antrittsrede appellierte er an Kirche und Welt: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht.“

Johannes Paul II. startete viele spektakuläre Initiativen. Er berief 15 Bischofssynoden ein, lud die Weltreligionen zum Friedensgipfel nach Assisi, empfing 890 Staats- und Regierungschefs und proklamierte 1.800 Heilige und Selige. Er verfasste 14 Enzykliken, eine Fülle von Lehrschreiben und Botschaften, hielt pro Jahr 900 Ansprachen.

Härtere Gangart gegenüber den Kommunisten

Frieden und Gerechtigkeit, Menschenrechte, Freiheit und Solidarität wurden zu den starken Themen seines Pontifikats. Er stoppte die bisherige, auf Kompromisse ausgerichtete „vatikanische Ostpolitik“ und schlug eine härtere Gangart gegenüber den Kommunisten an. Mit Forderungen nach einer sozialen Marktwirtschaft, nach freien Gewerkschaften sowie später nach einer solidarischen Globalisierung entwickelte er die kirchliche Soziallehre weiter.

Johannes Paul II. war ein „politischer“ Papst. Das zeigten besonders seine 104 Auslandsreisen in 129 Länder, bei denen er 1,2 Millionen Kilometer zurücklegte. Sie wurden zu einem Führungsinstrument seines Pontifikats. Er redete Diktatoren wie Chiles Augusto Pinochet und Kubas Fidel Castro ins Gewissen. Dank seiner robusten Konstitution überlebte er das noch immer nicht aufgeklärte Attentat des Türken Ali Agca vom 13. Mai 1981. Die Drahtzieher werden hinter dem Eisernen Vorhang vermutet.

Brücken in der Ökumene

Johannes Paul II. trug entscheidend zum Fall der Mauer und dem Ende von Ostblock und Sowjet-Regime bei. Der früherer Kreml-Chef Michail Gorbatschow bescheinigte ihm einen maßgeblichen Beitrag zum Sturz des Kommunismus in Europa. Noch einmal vor dem Golfkrieg 2003 wurde der Papst zur gefragten Anlaufstelle für Spitzenpolitiker aller Lager – auch wenn er, bereits schwer von seiner Krankheit gezeichnet, den Krieg nicht verhindern konnte.

Brücken hat Johannes Paul II. in der Ökumene und im Dialog mit den anderen Religionen gebaut. Manche Erfolge wie Rückschläge verzeichnete er bei der Aussöhnung mit dem Judentum. Als erster Bischof von Rom besuchte er die Synagoge der Ewigen Stadt und begrüßte dort die „älteren Brüder“. Bei seiner Heilig-Land-Reise 2000 ging er an die Klagemauer und zu einer bewegenden Gedenkzeremonie in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Schablonen passen nicht

Geistlicher Höhepunkt seiner Amtszeit war das Heilige Jahr 2000. Johannes Paul II. hatte sich zum Ziel gesetzt, die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen. 30 Millionen Rom-Besucher durchschritten die Heilige Pforte im Petersdom. In einer Vergebungsbitte, dem „großen Mea Culpa“, bat der Papst um Verzeihung für Fehler und Versäumnisse von Katholiken in 2.000 Jahren Kirchengeschichte.

Auch im Rückblick scheint es unmöglich, den Wojtyla-Papst in ein Schema zu zwingen. Progressiv oder konservativ, rechts oder links – die Schablonen passen nicht. So gefeiert er zu Pontifikatsbeginn und in seinen letzten Amtsjahren war, so revolutionär neue manche Öffnungen und Gesten schienen, so sehr wurde er ab den 90er-Jahren auch für konservative Positionen kritisiert: in Moral- oder Disziplinarfragen, zu bestimmten Formen der Befreiungstheologie, gegenüber progressiven Theologen.

Revolutionär und Reaktionär

Sein Biograph Matthias Drobinski sieht in Papst Johannes Paul II. (1978-2005) einen Revolutionär und einen Reaktionär zugleich. Der Reaktionär Johannes Paul II. gründete laut Drobinski in dessen Lebenserfahrungen: Die polnische Kirche habe sich immer im Widerstand befunden, gegen die deutsche Besatzung, danach gegen die Kommunisten. „Seine Erfahrung aus der polnischen Untergrundkirche war“, so Drobinski: „Wir sind nur dann stark und dann gut, wenn wir zusammenstehen; wenn zwischen uns keine Lücke entsteht.“

Innerkirchliche Diskussionen betrachtete der Papst aus Polen demnach als eher unangebracht. „Ein westlicher Pluralismus – also sich als Kirche und in der Kirche als einer unter vielen in der Diskussion behaupten zu müssen – das war ihm fremd, ja sogar eine Bedrohung“, so der Autor. Dieses Denken sehe man in vielen seiner Entscheidungen, etwa seinen Bischofsernennungen bis hin zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Durch die Maxime „Wir dürfen uns nicht spalten lassen, wir müssen kampffähig bleiben für die Menschenwürde“ seien „viele wichtige Debatten in der Kirche zum Stillstand gebracht“ worden, so Drobinski.

Missbrauch nicht als Priorität

Vor allem im deutschsprachigen Raum gab es Proteste gegen konservative Bischofsernennungen. Zudem kreidete man Johannes Paul an, dass infolge seiner häufigen Reisen die vatikanische Kurie zu viel freie Hand bekam. Auch sei er nicht entschieden genug gegen sexuellen Missbrauch durch Kleriker vorgegangen. Seine letzte Lebensphase war von Krankheit und Leiden geprägt. Schon bei seiner Totenmesse am 8. April 2005 forderten Plakate und Sprechchöre seine sofortige Heiligsprechung. Schon im Mai 2011 wurde der Papst aus Polen selig- und im April 2014 heiliggesprochen.

Von Johannes Schidelko (KNA)
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