Studie zu sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will mit einer Studie sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen aufarbeiten. Damit soll geklärt werden, „welche besonderen Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und der Diakonie bestehen, etwa in Bezug auf Kinder- und Jugendarbeit, Jugendfreizeiten und Pfadfinderarbeit“, wie Bischöfin Kirsten Fehrs als Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt am Donnerstag in Hannover erklärte.

Bischöfin_Kirsten Fehrs (Foto: Marcelo Hernandez/Nordkirche)

Bischöfin_Kirsten Fehrs (Foto: Marcelo Hernandez/Nordkirche)

In den Blick genommen würden nicht nur Pfarrpersonen, sondern auch andere haupt- und nebenberufliche Mitarbeiter sowie Ehrenamtliche. „Wir wollen Geschehenes rückhaltlos aufarbeiten, um so dafür Sorge zu tragen, dass künftiges Leid und Gewalt in Kirche und Diakonie bestmöglich verhindert werden“, betonte Fehrs.

Unabhängiger Forschungsverband

Von einem unabhängigen Forschungsverbund sollen den Angaben zufolge von Oktober an in mehreren Teilstudien Ursachen und Spezifika von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche untersucht werden. Die 3,6 Millionen Euro teure Studie solle innerhalb von drei Jahren Ergebnisse liefern und werde „intensiv“ von Betroffenen begleitet. Am Mittwochabend hatten die 20 Landeskirchen mit einem einstimmigen Beschluss in einer digitalen Sitzung der Kirchenkonferenz der Beauftragung einer umfassenden Aufarbeitungsstudie zugestimmt.

Die jetzt beschlossene Studie gehört zu einem Maßnahmenpaket zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, das die EKD-Synode im November 2018 beschlossen hatte. Seitdem hat die evangelische Kirche etwa einen Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt sowie eine Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet. In den Landeskirchen gibt es Unabhängige Kommissionen.

Betroffenen-Beirat soll berufen werden

Der Schutz vor sexualisierter Gewalt ging außerdem in rechtliche Regelungen einer landeskirchenübergreifenden Gewaltschutzrichtlinie ein. Ein geplanter Betroffenen-Beirat, dessen Einrichtung sich wegen der Corona-Pandemie verzögert habe, könne im Laufe des Sommers berufen werden, hieß es. „Diesen eingeschlagenen Weg werden wir konsequent weitergehen“, betonte Fehrs. Nur so könne man „glaubwürdig Kirche sein“.

Die Kirchenkonferenz stimmte zudem den Inhalten eines „Letter of Intent“ zur weiteren Zusammenarbeit zwischen EKD und dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) zu. „Mit dem Schreiben werden gemeinsame Perspektiven für das weitere strukturelle Vorgehen bei den nächsten Schritten der Aufarbeitung in den Blick genommen“, hieß es. Bis Ende September sollten sie sich weiter konkretisieren.

MHG-Studie in der Katholischen Kirche

In der katholischen Kirche hatte bereits die MHG-Studie sexuellen Missbrauch auf Basis von Akten aus den Jahren 1946 bis 2014 untersucht. Darin fanden sich Hinweise auf bundesweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. Die Studie wurde 2018 vorgestellt und war ein Auslöser für den aktuellen Reformdialog Synodalen Weg. Die Kürzel stehen für die Städte Mannheim, Heidelberg und Gießen. Dort sitzen die an der Studie beteiligten Institute.

Von Leticia Witte (KNA)
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