Ethiker Dabrock: „Vernünftige Mehrheit“ stärker einbeziehen

Eine breite Debatte über die richtige Balance im Umgang mit der Corona-Pandemie fordert der Theologe Peter Dabrock. „Es war fatal, dass wir uns im Sommer so ausgiebig mit den Aluhut-‚Argumenten‘ beschäftigt haben“, sagte er im Interview der „Welt“ (Freitag). Dabei sei übersehen worden, dass die „vernünftige Mehrheit“ sehr heterogen sei.

Peter Dabrock (© Deutscher Ethikrat/Foto: Reiner Zensen)

Nun gehe es mit einer „Grundspannung“ in den Herbst, mahnte der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats: Einerseits habe der Staat ein berechtigtes Interesse am Gesundheitsschutz – „auf der anderen Seite steht das Recht der Menschen auf Freizügigkeit, Selbstbestimmung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit“. Zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehörten nicht nur Nahrung oder ein Dach über dem Kopf: „Es gibt zum Beispiel auch ein Recht darauf, andere Menschen zu treffen, Spaß haben zu dürfen, zu lieben oder Sexualität zu leben.“

Diskreditierung junger Menschen

Dabrock sprach sich gegen eine Diskreditierung junger Menschen als „Partylöwen“ aus. Wenn Grundbedürfnisse über längere Zeit nicht befriedigt werden könnten, „geht der Mensch ein wie eine Primel“, warnte er. „Solche Grundbedürfnisse müssen uns in der Pandemie ein Kompass sein.“ Zudem stünden auch bei jungen Leuten „ganze Lebensentwürfe auf dem Spiel“, und durch neue Schulden wegen Überbrückungshilfen werde der jungen Generation eine „zusätzliche, möglicherweise lebenslange Last“ aufgeladen.

Der Ethiker verwies ebenso auf die Lage älterer Menschen. „Viele sagen selbst: Sie wollen lieber zwei Jahre gut leben als vier Jahre vereinsamt auf einer Isolierstation.“ Daher sollten Schnelltests vorrangig in Pflegeheimen eingesetzt werden. „Der Besuch durch einen geliebten Menschen gehört für mich elementar zum Menschsein“, betonte Dabrock. Und: „Wir dürfen auch nicht die Erwartung schüren, als ob der Tod immer aufhaltsam ist und wir alles opfern sollten, um ihn zu verhindern.“

Kreative Lösungen

Die Politik müsse die Bürger und lokale Organisationen stärker einbinden, forderte der Experte. In moderierten Chats könnten etwa Kita-Leiterinnen oder Jugendverbände ihre Konzepte und Erfahrungen vorstellen. „So hätten wir eine andere Diskurskultur und müssten jetzt nicht geradezu beschwörend an die Eigenverantwortung, auf deren Impulse bisher wenig gehört worden ist, appellieren.“ Statt Horrorszenarien auszumalen, gelte es, über kreative Lösungen und Kompromisse nachzudenken.

kna
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