Debatte über Gottesdienste im Stream

Die einen halten sie pandemiebedingt für das einzig Sinnvolle, auch und gerade jetzt an Weihnachten. Die anderen sehen darin einen Rückfall in vorkonziliare Strukturen: An gestreamten Gottesdiensten scheiden sich die Geister.
Die einen halten sie pandemiebedingt für das einzig Sinnvolle, auch und gerade jetzt an Weihnachten. Die anderen sehen darin einen Rückfall in vorkonziliare Strukturen: An gestreamten Gottesdiensten scheiden sich die Geister.

(Foto: Hülsmann)

Es ist unsäglich, wieviel Geld die Kirche im ersten Lockdown für Streams ausgegeben hat.“ In harten Worten äußerte sich die Freiburger Religionspädagogin Mirjam Schambeck kürzlich im Gespräch zu Online-Gottesdiensten in der Corona-Pandemie. „Klerikalisiert und sterilisiert“ nannte sie diese Messen, gleichsam ein Rückfall in vorkonziliare Zeiten, als die Gemeinde weitgehend unbeteiligt an den festlichen Messen teilnahm.

Wissenschaftler und Politiker werben für virtuelle Teilnahme an Gottesdiensten

Wissenschaftler und Politiker hingegen werben für die virtuelle Teilnahme an Gottesdiensten, gerade jetzt an Weihnachten, wo die Kirchen auf keinen Fall zu Corona-Hotspots werden dürfen. „Die Kirchen sollten so viel streamen wie möglich. Je mehr Gottesdienste online übertragen werden, desto besser“, sagte etwa SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Auch Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) warb für möglichst viel online – und zuletzt sogar einige Kirchenvertreter.

In Bayern wird das in diesem Jahr in jedem Fall Realität werden: Wer dort nach 21 Uhr noch an einer Christmette teilnehmen will, muss dies wegen der Ausgangssperre zu Hause vor dem Bildschirm tun. Live vor Ort dürfen am Gottesdienst nur hauptamtliche Mitarbeiter beteiligt sein, die damit ihrem Beruf nachgehen – also etwa ein Priester, ein Diakon oder eine Gemeindereferentin.

„Rückgriff auf priesterzentrierte Solo-Liturgien“

Genau solche Gottesdienste aber sind es, die so manchem Theologen sauer aufstoßen. „Der Rückgriff auf priesterzentrierte Solo-Liturgien spiegelt ein Kirchen- und Liturgieverständnis, in das wir nicht mehr zurückfallen dürfen“, schreibt etwa der Grazer Theologe Peter Ebenbauer auf dem Portal feinschwarz.net. Digitale und virtuelle Kommunikationsformen verteufelt er dennoch nicht. Sie sollten aber anders als bisher eingesetzt werden – nämlich für kreative Gottesdienste in neuen, corona-kompatiblen Formaten, „aber immer mit dem Fokus auf Begegnung, Beteiligung und Miteinander-Tun“.

Dass solche Gottesdienste nicht häufiger angeboten werden, hat allerdings einen Grund, wie die Münchner Pastoraltheologin Regina Frey zu berichten weiß: den Datenschutz. Das beliebte Videokonferenzprogramm Zoom etwa dürfen Hauptamtliche in den deutschen Diözesen nicht verwenden. „Wer es doch tut, muss dafür seinen privaten Rechner benutzen.“ Die theologische Debatte um gestreamte Gottesdienste hält Frey dennoch für überspitzt. „Ich glaube nicht, dass wir deswegen in vorkonziliare Strukturen zurückfallen.“ Gerade jetzt, wo deutschlandweit in den Kirchen das Singen verboten ist, wo manche Gemeinden sogar das gemeinsam gesprochene Gebet der Gläubigen untersagen, stelle sich sogar die Frage, ob man nicht zu Hause vor dem Bildschirm aktiver an der Messe teilnimmt als vor Ort in der Kirche.

Jüngere Menschen testen neue Formate

Auch auf Seiten der Priester sieht die Wissenschaftlerin, die gerade eine Untersuchung zum ersten Lockdown im Bistum Regensburg auswertet, keinen verstärkten Hang zu Klerikalisierung. „Die Meinung, dass es doch letztlich genüge, wenn der Priester stellvertretend für die Gemeinde die Messe feiere, ist klar in der Minderheit.“ Stattdessen hätten viele Geistliche ihr Unbehagen über Gottesdienste vor leeren Bankreihen zum Ausdruck gebracht.

Eine bange Frage hingegen sei im Klerus sehr präsent, betont Frey. „Wie bekommen wir die Menschen nach der Krise zurück in die Kirche?“ Mit gestreamten Gottesdiensten allerdings habe das eher wenig zu tun. Im Gegenteil: Gerade jüngere Menschen hätten in der Krise neue Formate getestet, hätten – analog oder virtuell – Hausgottesdienste und Andachten im kleinen Kreis gefeiert, zumeist ohne Priester. „Was das für die weitere Entwicklung der Liturgie bedeutet, bleibt abzuwarten“, so Frey. Schließlich hängt an dieser Entwicklung auch die Frage der Eucharistie.

Von Andreas Laska (KNA)
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