Erleichterung nach Schuldspruch im George-Floyd-Prozess

Katholische Kirchenführer werten den Schuldspruch gegen den Polizisten im Prozess um den Tod George Floyds als „kleinen Schritt nach vorn“. Es bleibe noch viel zu tun, die Sünde des Rassismus in den USA zu überwinden.

Der Katholik Joe Biden betete während der Beratungen der zwölf Geschworenen in einem abgeschirmten Hotel von Minneapolis „für ein richtiges Urteil“. Wie auch der Bürgerrechtler und Prediger Al Sharpton Gottes Weisheit über die Jury herbeiflehte. Der Bruder des unter dem Knie des weißen Polizisten Derek Chauvin ermordete George Floyd, Philonise, sagte nach der Urteilsverkündung, er habe „viele Tage gebetet“ und „geglaubt, dass er verurteilt wird“.

„Black-Lives-Matter“-Demonstranten feiern das Urteil

Am Dienstagnachmittag stellte sich nach nur zehn Stunden Beratung der gemischten Geschworenen-Gruppe aus sieben Frauen und fünf Männern heraus, dass die Gebete offenbar erhört wurden. Während Richter Peter Cahill den Umschlag mit dem Urteilsspruch öffnete, hielten nicht nur die Anwesenden die Luft an. Ganz Minneapolis, ganz Minnesota, ganz Amerika und die ganze Welt fieberte mit.

„Schuldig, schuldig, schuldig“, feierten auf dem „George Floyd Plaza“ in Minneapolis an dem Ort, wo der Schwarze vor knapp einem Jahr starb, „Black-Lives-Matter“-Demonstranten das Urteil der Jury. „Wir können wieder atmen“, bringt Philonise das Gefühl der Familie, aber auch der Schwarzen in den USA nach dem dreifachen Schuldspruch zum Ausdruck.

Präsident Joe Biden begrüßt Urteil

US-Präsident Biden richtete sich in einer Fernsehansprache an die Nation. Darin begrüßte er das Urteil, meinte aber, es sei ein „zu seltener“ Schritt, in dem das schwarze Amerika „minimale Rechenschaft“ erfährt. „Das war ein Mord am helllichten Tag und das hat die Augenbinden weggerissen, damit die Welt sehen konnte, was passiert.“ Viele seien erschüttert, „dass dies für das Rechtssystem notwendig war, um jemanden zur Verantwortung zu ziehen.“

Selten zügig und im Einklang mit dem zweiten katholischen Präsidenten der USA meldete sich auch die US-Bischofskonferenz zu Wort. „Der Tod George Floyds hat die tiefe Notwendigkeit hervorgehoben und verstärkt, die Heiligkeit in allen Menschen zu erkennen, speziell in denen, die historisch unterdrückt wurden“, heißt es in der Erklärung der USCCB. Das vergangene Jahr habe in aller Klarheit „soziale Ungerechtigkeiten in unserem Land offengelegt und die Nation bleibt tief gespalten, wie dieses Unrecht wiedergutgemacht werden kann“. Die katholische Kirche fühle sich der Aufgabe verpflichtet, so die Bischöfe, „Herzen und Einstellungen zu verändern“.

„Ein bescheidener Schritt“

Noch deutlicher werden die Vertreter des schwarzen Katholizismus in den USA, die eine historische Dimension des dreifachen Schuldspruchs eines Polizisten in einem mehrheitlich weißen Bundesstaat sehen, das Urteil aber in einen Kontext stellen. „Das war ein bescheidener Anfang“, sagt Ralph McCloud, Direktor des Anti-Armut-Programms „Catholic Campaign for Human Development“ der Bischöfe. „Millionen Menschen mussten ein Video sehen und auf der Straße demonstrieren, um offenzulegen, was Farbigen in den USA widerfährt.“

Die Historikerin Shannen Dee Williams von der katholischen Villanova Universität sieht die Dinge ähnlich nüchtern. „Wenn wir in einer Gesellschaft lebten, die wirklich gerecht wäre“, sagte sie dem „National Catholic Reporter“, „bräuchten wir uns keine Sorgen zu machen, ob ein Mann verurteilt wird, dessen Mord auf Video festgehalten ist.“ Katholiken seien gehalten für die Seele Floyds, seiner Familie und aller Opfer staatlicher Gewalt zu beten. „Wäre es nicht schön, wenn sich alle Katholiken verpflichteten Antirassisten zu werden?“

Franziskus sprach von der „Sünde des Rassismus“

Williams nimmt Bezug auf Papst Franziskus, der sich zweimal ausdrücklich zum Tod George Floyds geäußert hatte. Kurz nach dem Tod Floyds, der in den USA Massenproteste auslöste, sprach Franziskus von „der Sünde des Rassismus“. Er lobte diejenigen, „die zusammen, obwohl sie sich nicht kennen, auf die Straße gegen, um zu protestieren“.

Der Bürgerrechtler und Prediger Al Sharpton sprach bei seiner Pressekonferenz nach dem Urteil mit der Familie Floyds von dem Einfluss Gottes auf die Herzen der Beteiligten. „Wir haben keinen Gefallen daran, einen Mann ins Gefängnis gehen zu sehen“, sagt der „Reverend“ zu den in Handschellen aus dem Gerichtssaal geführten Chauvin. „Wir hätten George lieber unter uns.“

Obama fordert konkrete Reformen

Der erste schwarze Präsident der USA, Barack Obama, nannte das Urteil einen „Fortschritt“, der aber weit davon entfernt sei, als „ausreichend“ bezeichnet werden zu können. „Wir brauchen konkrete Reformen, die rassistische Vorurteile in unserem Strafrechtssystem reduzieren und letztlich beenden“, so Obama. Floyds Freundin Courteney Ross zeigte sich nach dem Urteil erleichtert. George habe die Welt zum Besseren verändert. „Gott ist gut“, sagte sie. „Er hat es heute wieder bewiesen.“

Von Bernd Tenhage (KNA)
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