Offener Protest gegen Nein aus dem Vatikan

Der Vatikan hat der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eine klare Absage erteilt – doch viele Katholiken in Deutschland nehmen das nicht hin. Rund um den 10. Mai wollen Seelsorger in einer konzertierten Aktion solche und andere Verbindungen segnen.
Der Vatikan hat der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eine klare Absage erteilt - doch viele Katholiken in Deutschland nehmen das nicht hin. Rund um den 10. Mai wollen Seelsorger in einer konzertierten Aktion solche und andere Verbindungen segnen.

(Foto: pixabay)

Der Vatikan hat der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eine klare Absage erteilt – doch viele Katholiken in Deutschland nehmen das nicht hin. Rund um den 10. Mai wollen Seelsorger in einer konzertierten Aktion solche und andere Verbindungen segnen. In bundesweit mehr als 75 Kirchen sind Gottesdienste geplant. Die Initiative läuft unter dem Hashtag „#liebegewinnt“. Regenbogenfahnen wehen da und dort von den Kirchtürmen. Mittlerweile haben rund 11.000 Personen, darunter viele Seelsorgerinnen und Seelsorger, per Unterschrift ihre Ablehnung des von der Römischen Glaubenskongregation ausgesprochenen Verbots bekundet. Reaktionen gibt es nicht nur in Deutschland. Auch in den USA wurden Debatten losgetreten, in Belgien mehren sich laut dem Antwerpener Bischof Johan Bonny Kirchenaustritte.

Kirchenpolitische Demonstration?

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Limburgs Bischof Georg Bätzing, an sich dem Anliegen aufgeschlossen, heißt die Aktion dennoch nicht gut. „Segnungsgottesdienste haben ihre eigene theologische Würde und pastorale Bedeutung. Sie sind nicht als Instrument für kirchenpolitische Manifestationen oder Protestaktionen geeignet“, sagte er. Einer der Initiatoren von „#liebegewinnt“, Jens Ehebrecht-Zumsande, reagierte darauf seinerseits mit Kritik. Nirgends sei gesagt worden, dass die Gottesdienste als kirchenpolitische Demonstrationen zu verstehen seien.

Unterdessen wird auch auf der anderen Seite des Meinungsspektrums nachgelegt. Der australische Kardinal George Pell wirft den deutschen Bischöfen schwere Verstöße gegen die Lehren der Bibel und der Kirche vor. Der Kirchenrechtler Gero Weishaupt, unter anderem Diözesanrichter am Kölner Kirchengericht, ließ wissen, dass sich ein Bischof, der das Verbot zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ignoriere, die Tatstrafe der Exkommunikation zuziehe. Der langjährige frühere Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, hält sogar ein Schisma für möglich.

Bätzing nicht glücklich mit Agieren der Glaubenskongregation

Trotz seiner milden Rüge gegenüber „#liebegewinnt“ ist auch Bätzing alles andere als glücklich mit dem Agieren der Glaubenskongregation. Schließlich handelt es sich um Materie, um die gerade im Synodalen Weg engagiert gerungen wird. Eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre müsse auf Basis grundlegender Wahrheiten des Glaubens und der Moral, aber auch in Offenheit für neuere Ergebnisse der Humanwissenschaften und der Lebenssituationen heutiger Menschen geschehen, so der DBK-Vorsitzende.

Damit sprach Bätzing schon im März jene Punkte an, die nun auf der Tagung „Segen für alle“ in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mühlheim an der Ruhr zur Sprache kamen. Die Theologie könne an den Erkenntnissen der Humanwissenschaften nicht vorbeigehen, das war Konsens. Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz etwa wies darauf hin, dass sich das Lehramt immer noch der Argumente aus Antike und Mittelalter bediene. Der Begriff der Würde finde dort seine Begründung in einer natürlichen Zweckbestimmung. Diese naturrechtliche Ableitung trage letztlich dazu bei, dass Homosexualität als unwürdiges Verhalten klassifiziert werde.

Autonomiefähigkeit des Menschen

Dem stellte Goertz einen neuzeitlichen Würdebegriff gegenüber. Dieser gründe in der Autonomiefähigkeit des Menschen. „Menschenwürdig ist dann eine Praxis, eine Institution, wenn sie dieser freien Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen gerecht wird“, sagte der Moraltheologe. Homosexualität stehe jener Würde nicht entgegen, solange sie die Selbstbestimmung des Partners achte.

Auch die von Bätzing bereits angesprochene Lebenssituation heutiger Menschen und ihre gegenüber früher veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung wurde verhandelt. Die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop etwa sprach von sexueller Diversität als einem Zeichen der Zeit, an dem Kirche nicht vorbeigehen könne. Homosexualität werde heute als Normvariante betrachtet. Für die Theologie könne dies in eine „Schöpfungsvariante“ übersetzt werden – als ein „vom Schöpfer gegebenes, prägendes Moment der Persönlichkeit, der Leiblichkeit, der Identität“.

Vatikan hat Dokument der Bibelkommission nicht zur Kenntnis genommen

Wo von Schöpfung gesprochen wird, ist die Bibel nicht weit. Sie dient vielen Kritikern als oberste Richtschnur für die Ablehnung von Homosexualität. Eine „solide“ biblische Grundlage attestierte der Wiener Alttestamentler Ludwig Schwienhorst-Schönberger der Glaubenskongregation bereits im März: „Für eine Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen in Analogie zur Ehe oder gar in Gleichsetzung mit der Ehe gibt es innerhalb der Bibel keinerlei Anhaltspunkte.“

Wir finden in den Erzähltraditionen der Bibel keine Hinweise auf homosexuelle Praktiken, weder als zu verurteilende Verhaltensweisen noch als tolerierte ober befürwortete Einstellungen.“

Anders sieht das der emeritierte Tübinger Neutestamentler Michael Theobald. Er zeigte sich erstaunt, dass die römische Absage ein Dokument der Bibelkommission aus dem Jahr 2019 anscheinend nicht zur Kenntnis genommen habe. Dort sei Homosexualität durchaus differenziert betrachtet worden. Das Papier liegt offiziell bisher nicht auf deutsch vor. Aber in einer Arbeitsübersetzung des Mainzer Neutestamentlers Thomas Hieke heißt es etwa unter der Nummer 188: „Wir finden in den Erzähltraditionen der Bibel keine Hinweise auf homosexuelle Praktiken, weder als zu verurteilende Verhaltensweisen noch als tolerierte ober befürwortete Einstellungen.“ Theobald bezeichnete diese Einsicht als die vorherrschende Meinung in den Bibelwissenschaften. Der Bibel sei ein modernes Konzept von Homosexualität schlicht unbekannt. Zugleich plädierte er dafür, bei diesem Befund nicht stehen zu bleiben.

Offene Kritik an der Kirchenlehre möglich

Als bedeutender Fortschritt wurde bei der Tagung allein schon der Umstand bewertet, dass im Raum der Kirche nun wieder solche Diskussionen möglich sind. Noch die vorige Generation, das betonte Goertz, habe für offene Kritik an der Kirchenlehre mit der eigenen Biografie bezahlen müssen. Für den Salzburger Fundamentaltheologen Gregor Maria Hoff stellt die Tatsache, dass über Macht und Sexualität gesprochen werde, gegenüber vorherigen Denkeinschränkungen einen „Akt performativer Gewaltenteilung“ dar. Bleibt abzuwarten, wie die Kontroverse sich nach dem 10. Mai weiterentwickelt.

Von Annika Schmitz (KNA)