Moraltheologe: Tyrannenmord an Putin ethisch nicht tragbar

Der Tübinger Moraltheologe Franz-Josef Bormann, Mitglied im Deutschen Ethikrat, hält einen sogenannten Tyrannenmord an Putin, um weitere Opfer zu verhindern, für ethisch nicht tragbar.
Bonn – Der Tübinger Moraltheologe Franz-Josef Bormann, Mitglied im Deutschen Ethikrat, hält einen sogenannten Tyrannenmord an Putin, um weitere Opfer zu verhindern, für ethisch nicht tragbar. "Wenn wir jetzt anfangen würden, alle unliebsamen Staatschefs dieser Welt mit Verweis auf den Tyrannenmord aus dem Weg zu räumen, wäre das sicher nicht die richtige Lösung", sagte Bormann dem Internetportal katholisch.de am Donnerstag im Interview.

Wladimir Putin –Foto: © Malivoja | Dreamstime.com

Der Tübinger Moraltheologe Franz-Josef Bormann, Mitglied im Deutschen Ethikrat, hält einen sogenannten Tyrannenmord an Russlands Präsident Wladimir Putin, um weitere Opfer zu verhindern, für ethisch nicht tragbar. „Wenn wir jetzt anfangen würden, alle unliebsamen Staatschefs dieser Welt mit Verweis auf den Tyrannenmord aus dem Weg zu räumen, wäre das sicher nicht die richtige Lösung“, sagte Bormann dem Internetportal katholisch.de am Donnerstag im Interview.

„Fatal bei Putin ist, dass er vitale Opposition zerstören hat“

Die antike Grundidee des Tyrannenmords gehe davon aus, dass anschließend aus den Kreisen der demokratischen Gremien neue, gerechtfertigte Regierende heranwachsen. „Fatal ist etwa bei Putin, dass er in den vergangenen Jahren alles daran gesetzt hat, eine vitale Opposition zu zerstören. Dieses Nachrücken demokratischer Kräfte wäre also nicht möglich, weil es diese nicht in ausreichendem Umfang gibt, sondern das totalitäre System unter den russischen Eliten eine breite Basis hat“, erklärte der Moraltheologe. Zahlreiche Oligarchen profitierten vom Putin-Regime und würden auch durch eine Ermordung Putins nicht verschwinden. „Die jetzige Situation also mit einem Tyrannenmord bereinigen zu wollen, halte ich für keine tragbare Vorstellung.“

Als nicht nur ethisch gerechtfertigt, sondern als „eine moralische Pflicht“ bezeichnete Bormann hingegen Waffenlieferungen an die Ukraine. „Wenn ein viel stärkerer Aggressor einen viel schwächeren Gegner überfällt, müssen die Anrainerstaaten handeln, um diesem überfallenen Opfer zu helfen“, sagte er. „Es besteht hier also durchaus eine moralische Pflicht zur Unterstützung der Ukraine“.

Russischen Truppen halten sich nicht an die Regeln des humanitären Kriegsvölkerrechts

Dies gelte umso mehr, als sich die russischen Truppen nicht an die Regeln des humanitären Kriegsvölkerrechts hielten und zivile Einrichtungen angriffen. „Wenn andere Länder in dieser Situation Waffen an die Ukraine liefern, tun sie das, um einem Gewaltopfer die Möglichkeit zu geben, sich gegen eine völlig ungerechtfertigte Aggression zu verteidigen.“ Sofern diese Waffenlieferungen der effizienten und verhältnismäßigen Selbstverteidigung dienten, seien sie als gerechtfertigt einzuschätzen.

Dabei müsse jedoch darauf geachtet werden, dass keine endlose Eskalationsspirale entstehe. „So sehr also einerseits eine Hilfspflicht besteht, so sehr besteht andererseits die Verpflichtung zu politischem Handeln, um diese Aggressionssituation aufzulösen“, betonte Bormann. Wichtig sei, dass eine Verhandlungsoption gewahrt und geöffnet werden müsse. Dies gelte auch für die Kirche. Ziel aller Maßnahmen müsse es sein, die grundlegenden Rechte des Aggressionsopfers, im aktuellen Fall die territoriale Integrität und das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine, zu verteidigen.

kna

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