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Konfliktforscher besorgt über Gewalt gegen Journalisten

 Konfliktforscher Andreas Zick beobachtet eine Zunahme von seelischer und körperlicher Gewalt gegen Journalisten in Deutschland. „Wir müssen uns Sorgen machen“, sagte der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag): „In unserer Studie sprechen 63 Prozent der Journalisten von psychischer Belastung durch die Angriffe. 16 Prozent haben schon aus Angst über Themen nicht berichtet, und jeder zweite hat Verständnis dafür, wenn Kollegen das nicht mehr tun.“

(Symbolfoto: Andrys Stienstra/pixabay)

Die von ihm geleitete Befragung von 322 Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet sei zwar nicht repräsentativ, so Zick, stelle aber eine aussagekräftige Stichprobe dar. 60 Prozent der Befragten hätten ausgesagt, sie seien 2019 angegriffen worden. Besonders betroffen seien Journalisten, die über Migration, Flüchtlinge und die AfD berichten.

„Von den 60 Prozent sind 16 Prozent bei ihrer Arbeit körperlich angegriffen worden. Weitere 16 Prozent haben Morddrohungen erhalten“, ergänzte der Forscher. Etwa ein Drittel der Angriffe habe „ganz klar einen Straftatbestand erfüllt“. Aber weniger als die Hälfte sei zur Anzeige gebracht worden – „und davon wiederum endeten nur fünf Fälle mit einer Verurteilung der Täter“.

84 Prozent der Angriffe lassen sich der Umfrage zufolge dem rechtsextremen Milieu zuordnen, 4 Prozent dem linksextremen. „Von rechts kommen professionalisierte Hate-Speech-Kampagnen aus großen Netzwerken, die sich fast nur noch mit künstlicher Intelligenz nachverfolgen lassen“, so Zick weiter. „Von links wird Hate Speech punktuell bei Demonstrationen und Polizeieinsätzen benutzt, über die Journalisten kritisch berichten.“

Neben linken und rechten Extremisten bilden sich nach Zicks Einschätzung derzeit „Querfronten und Communitys wie die der Klimawandelleugner oder der Putin-Anhänger, die nicht eindeutig links oder rechts zu verorten sind“. Gerade jetzt in der Corona-Krise scheine das wieder verstärkt der Fall zu sein.

Den Staatsanwaltschaften fehlt es nach Ansicht des Forschers an Personal und an modernen Analysewerkzeugen, um die Taten effektiv verfolgen und ahnden zu können. Hate Speech gehe, so Zick weiter, vor allem von weißen Männern aus, die Angst hätten, Privilegien zu verlieren: „Sie sehen sich als Opfer von anderen Gruppen wie Frauen oder Migranten, die plötzlich Machtansprüche stellen.“

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