Missbrauchsprozess gegen Ex-Pfarrer: Assenmacher und Heße als Zeuge geladen

Im Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Köln gegen einen katholischen Priester treten prominente katholische Geistliche auf. Am 13. Januar wird der frühere Offizial Günter Assenmacher (69)  gehört. Und am 18. Januar sagt der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße (55) aus.
Im Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Köln gegen einen katholischen Priester treten prominente katholische Geistliche auf. Am 13. Januar wird der frühere Offizial Günter Assenmacher (69)  gehört. Und am 18. Januar sagt der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße (55) aus.

Nicht mehr im Amt: Offizial Günter Assenmacher – Foto: Erzbistum Köln / Newsdesk

Köln – Im Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Köln gegen einen katholischen Priester treten prominente katholische Geistliche auf. Am 13. Januar wird der ehemalige Top-Jurist des Erzbistums Köln – der frühere Offizial Günter Assenmacher (69) – gehört, wie das Gericht der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigte. Und am 18. Januar sagt der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße (55) aus. Er war in den Jahren 2010 und 2011 als Personalchef in Köln mit dem Fall befasst.

Laut Anklageschrift soll sich der frühere Pfarrer U. zwischen 1993 und 1999 in 31 Fällen in Gummersbach an seinen 3 minderjährigen Nichten vergangen haben – davon in 3 Fällen schwer. Zudem soll der Geistliche im Januar 2011 in Wuppertal zwei Mal ein elfjähriges Mädchen missbraucht haben, das er über eine bekannte Familie kennengelernt hatte.

Gericht setzt 29 Verhandlungstage an

Für den Prozess, der ursprünglich 20 Verhandlungstage dauern sollte, setzte das Gericht mittlerweile insgesamt 29 Termine bis zum 25. Februar an. In der bisherigen Verhandlung deutete sich an, dass es weitere Opfer geben könnte.

Missbrauchsskandale erschüttern die katholische Kirche seit mehr als zehn Jahren. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist enorm – und trotzdem stehen katholische Priester, die Minderjährige missbraucht haben sollen, selten vor Gericht. Das liegt meist daran, dass Taten verjährt, Täter gestorben oder Opfer nicht zur Aussage bereit sind.

Umso spannender ist der Prozess, der derzeit vor dem Landgericht Köln läuft. Beispielhaft könnte er für die Missstände stehen, die Kritiker der Kirche in Sachen Missbrauch vorwerfen: dass Amtsträger in den Bistümern die Verantwortung von einem zum nächsten schoben, oft zugunsten der Täter entschieden und die Opfer nicht angemessen im Blick hatten.

Ob sich diese Vorwürfe im vorliegenden Prozess gegen den heute 70 Jahre alten Priester U. bewahrheiten, könnte sich am 13. Januar abzeichnen. Dann wird der frühere Top-Jurist des Erzbistums Köln, Günter Assenmacher (69), vom Landgericht vernommen. Richter Christoph Kaufmann wird dem einst höchst einflussreichen Leiter des Kölner Kirchengerichts wohl einige unangenehme Fragen stellen.

Vor allem wird er wissen wollen, warum der Angeklagte ab 2011 wieder als Krankenhauspfarrer arbeiten durfte, nachdem das Erzbistum 2010 von Missbrauchsanschuldigungen erfahren und den Mann vorerst beurlaubt hatte. Denselben Fragen wird sich am 18. Januar der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße (55) stellen müssen. Vor elf Jahren war er als Kölner Personalchef mit dem Fall befasst. Ihm wird zudem vorgeworfen, ein Geständnis des Geistlichen gegenüber Bistumsverantwortlichen absichtlich nicht protokolliert haben zu lassen, was Heße selbst bestreitet.

Missbrauch offenbar als interne „Familiensache“ abgetan

Der Fall U. kommt auch in einem Aufarbeitungsgutachten für das Erzbistum Köln vor, das Juristen vergangenen März vorstellten. Für ihre Untersuchung werteten sie Bistumsakten aus und sprachen ebenfalls mit Assenmacher und Heße. Aus dem Gutachten geht hervor, dass sich Assenmacher in der Sache nicht zuständig fühlte. Zudem tat er den Missbrauch offenbar als interne „Familiensache“ ab. 2010 wurde der Priester von seiner Nichte angezeigt. Er soll sie und ihre beiden Schwestern als Kinder missbraucht haben, als sie ihn an den Wochenenden im Pfarrhaus in Gummersbach besuchten. Später zog sie ihre Anzeige jedoch zurück – vermutlich auf Druck der Familie.

Assenmachers Argument, wie es die Gutachter in indirekter Rede festhielten: Die Taten seien zwar ein Verhalten, das befremde. Wenn aber die Aussage zurückgezogen werde, weil man „die Sache in der Familie halten wolle“, verdiene dies „einen anderen Respekt“, als wenn ein Missbrauchstäter ein Risiko für seine Umwelt darstelle. Zudem müsse man auch sehen, dass die Mutter ihre Töchter immer zu dem Beschuldigten gebracht habe.

Ganz abgesehen davon, dass Missbrauch von Kindern auch innerhalb einer Familie strafbar ist, zeichnet sich im nun laufenden Prozess ab, dass U. sehr wohl ein „Risiko für seine Umwelt“ dargestellt haben könnte. Im Zuge der Missbrauchsaufarbeitung rollte das Erzbistum Köln den Fall erneut auf. 2020 erfolgte die Anzeige der Staatsanwaltschaft. Diesmal treten alle drei Nichten als Nebenklägerinnen auf – und eine weitere mutmaßliche Betroffene. Sie sagt, U. habe sich 2011 in Wuppertal zwei Mal an ihr vergangen. Verwandt ist sie mit dem Angeklagten nicht.

Für den Kirchenrechtler Assenmacher hatte der Fall U. bereits Konsequenzen

Die bisherigen Zeugenbefragungen vor Gericht deuten zudem darauf hin, dass es noch weitere Betroffene geben könnte – etwa die Töchter von Bekannten und Weggefährtinnen. Schwer belasten dürften den Angeklagten auch die Aussagen seiner Pflegetochter. Die heute 55-Jährige lernte U. in den 1970er Jahren in einem Kinderheim in Bonn kennen, in dem er während seines Theologiestudiums arbeitete.

Er nahm das Mädchen sowie einen Jungen aus dem Heim mit zu sich ins Pfarrhaus nach Alfter, wofür er eine Genehmigung des Erzbistums und des Jugendamts erhielt. Etwa 1980 zogen sie nach Kerpen und später nach Gummersbach. Schon in Alfter soll es zu sexuellen Übergriffen gegen die damals etwa zwölfjährige Pflegetochter gekommen sein. Zweimal sei sie von U. schwanger gewesen, erklärte die Frau vor Gericht. Beide Schwangerschaften seien durch Abtreibung beendet worden.

Für den Kirchenrechtler Assenmacher hatte der Fall U. bereits Konsequenzen. Die Gutachter werfen ihm vor, eine unzutreffende Rechtsauskunft darüber gegeben zu haben, ob das Erzbistum den Fall nach Rom hätte melden müssen. Noch am selben Tag, an dem die Untersuchung vorgestellt wurde, entpflichtete der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki den langjährigen Offizial von seinen Ämtern.

Von Anita Hirschbeck (KNA)

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