Historikerin Irina Scherbakowa kritisiert orthodoxe Kirche

Die Menschenrechtlerin und Historikerin Irina Scherbakowa hat die Regierungsnähe und kriegsbejahende Haltung der russisch-orthodoxen Kirche verurteilt. Die Kirche unter dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. habe die repressive Politik von Präsident Wladimir Putin stets unterstützt und sei in der russischen Geschichte „immer angepasst“ gewesen, sagte Scherbakowa in einem Interview der Zeitung Neues Ruhrwort.
Die Menschenrechtlerin und Historikerin Irina Scherbakowa hat die Regierungsnähe und kriegsbejahende Haltung der russisch-orthodoxen Kirche verurteilt. Die Kirche unter dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. habe die repressive Politik von Präsident Wladimir Putin stets unterstützt und sei in der russischen Geschichte "immer angepasst" gewesen, sagte Scherbakowa in einem Interview dem Neuen Ruhrwort.

Irina Scherbakowa –Foto: privat

Die Menschenrechtlerin und Historikerin Irina Scherbakowa hat die Regierungsnähe und kriegsbejahende Haltung der russich-orthodoxen Kirche verurteilt.

Lesen Sie hier unsere Bericht zur Ukraine

Die Kirche unter dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. habe die repressive Politik von Präsident Wladimir Putin stets unterstützt und sei in der russischen Geschichte „immer angepasst“ gewesen, sagte Scherbakowa in einem Interview der Zeitung Neues Ruhrwort. „Viele Theorien haben ihren Ursprung in der orthodoxen Verherrlichung des Staates“, fügte die inzwischen aus Russland nach Israel geflüchtete Scherbakowa hinzu.

Rechtfertigungen unanehmbar

Die wiederholten Rechtfertigungen Kyrills I. für den Angriff auf die Ukraine bezeichnete sie als „unannehmbar“. Zugleich spreche aus Putins Sichtweise auf den Westen „die klare antimodernistische Sichtweise der Orthodoxen Kirche“. Die Weltsicht des russischen Präsidenten bezeichnet Scherbakowa als „eine Giftmischung aus Nationalismus, Imperialismus, Ressentiments und Verachtung anderer Völker und Republiken, die sich aus der Sowjetunion befreit haben“. Putin sehe sich als Retter, der nach der Katastrophe des Zusammenbruchs der Sowjetunion das russische Imperium wieder erstehen lass, und sei dabei von messianischen Vorstellungen getrieben.

Scherbakowa: Kritische Stimmen zu Russland fanden in Deutschland zu wenig Gehör

Scherbakowa beklagt auch, dass kritische Stimmen zu Russland in Deutschland in den letzten 20 Jahren zu wenig Gehör gefunden haben. „Wir haben immer wieder gesagt, wohin die Reise in Russland geht – auch wenn ich mir sicherlich diese Katastrophe nicht vorgestellt habe“, sagte Scherbakowa im ausführlichen Interview mit dem Neuen Ruhrwort. Die Mitbegründerin der inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial International hat ihre Heimat angesichts zunehmender Repressalien nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verlassen.

Nach den Worten Scherbakowas sollen schon in den ersten drei Wochen seit Kriegsbeginn bereits mehr als 300.000 Menschen Russland verlassen haben, darunter viele Regimegegner aus Angst vor Repressionen. Inzwischen wirkten sich der Krieg und die westlichen Wirtschaftssanktionen auch auf die Versorgungslage und den Arbeitsmarkt aus. Aber: „Die Bevölkerung will die Veränderungen nicht wahrnehmen und stellt sich nicht gegen Putin.“

Scherbakowa, 1949 in Moskau als Kind jüdischer Eltern geboren, ist Mitbegründerin der inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial. Die Gruppe setzt sich für eine Aufarbeitung der Verbrechen während der Sowjetzeit und die Opferfürsorge ein. Im Dezember 2021 löste das oberste russische Gericht Memorial wegen des Vorwurfs der Beeinflussung aus dem Ausland offiziell auf. Als Autorin und Herausgeberin hat Irina Scherbakowa zahlreiche Bücher zu den Themen Stalinismus und Erinnerungskultur veröffentlicht, viele davon sind in deutscher Sprache erschienen.

„Wir haben immer gewarnt“

Die Historikerin und Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa im Interview über Repressalien in Russland. Im März hat sie ihr Heimatland verlassen.

Tel Aviv/Gelsenkirchen. Die russische Historikerin Irina Scherbakowa ist eine begnadete Erzählerin. Ein Stichwort genügt und sie entfaltet sogleich ein Panorama der sowjetischen Vergangenheit – aber gerade auch der russischen Gegenwart mit berührenden wie erschütternden Schilderungen. Die Mitbegründerin der inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial hat ihre Heimat angesichts zunehmender Repressalien nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verlassen. Das Interview fand als Videoschalte nach Tel Aviv statt.

Frau Scherbakowa, sie haben im März Russland verlassen. Wann war ihnen klar, dass Sie diesen Schritt gehen müssen?

Irina Scherbakowa:  Bis zum letzten Augenblick eigentlich nicht. Ich wäre gerne geblieben, aber meine Familie war in sehr großer Sorge, dass eine Ausreise zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht nicht mehr möglich wäre und wir dann in Moskau festsitzen. Da schien es nur ein begrenztes Zeitfenster zu geben. Aber das Wichtigste war, dass es für mich nicht mehr möglich schien im Land zu bleiben, als dieser Krieg begann. Das war aus dem Stegreif: Wohnung zu und raus; das war schon schwierig. Schätzungen zufolge haben allein in den ersten drei Wochen rund 300.000 Russen das Land verlassen, wahrscheinlich sogar noch etwas mehr.

Russland erleidet jetzt einen regelrechten Braindrain …

Scherbakowa:  Ja, es gibt viele, die keine Zukunft für sich in Russland sehen, das sind gerade auch IT-Leute, aber vor allem Regimekritiker, Menschen, die sich in Gefahr fühlen, haben das Land verlassen: Aktivisten, Menschenrechtler, NGO-Mitarbeiter, Rechtsanwälte, Leute, die der Opposition zuzurechnen sind, vor allem auch Journalisten, weil die Zensur eingeführt und immer weiter verschärft worden ist. Viele Medien sind geschlossen worden.

Faktisch entspricht dies einem Arbeitsverbot. Viele Informationen sind schon nicht mehr zugänglich, Facebook und andere Social-Media-Kanäle sind nur mit VPN-Software zu nutzen. Es sind aber auch Familien aus den Großstädten wie Moskau und St. Petersburg, deren Söhne in einem Alter sind, in dem sie einberufen werden können, die das Land verlassen haben.

Das Oberste Gericht Russlands hat im Dezember ein Verbot von Memorial, der wichtigsten Menschenrechtsorganisation im Lande verfügt, die sie mitgegründet haben. War das nur eine Frage der Zeit?

Scherbakowa: Das haben wir auf so eine Art nicht erwartet. Natürlich haben wir gesehen, dass die Atmosphäre immer schlimmer geworden ist. Um uns herum wurden ständig Leute vorgeladen und bestraft. Demonstrationen wurden verboten. In den letzten Jahren sind wir als Memorial International zunehmend verfolgt worden. Das begann mit der Einführung des sogenannten Agentengesetzes 2012, mit dem bestimmte Organisationen und Medien als ausländische Agenten diffamiert wurden.

Dieses Gesetz steht nicht mit der Verfassung im Einklang und hatte nur den einen Zweck: politische Gegner zu verfolgen. Seither hat sich die Situation immer weiter verschlechtert. Memorial wurde 2016 auf diese Liste gesetzt, was völlig absurd war, weil wir ja offen als internationales Netzwerk angelegt sind.

Damit war ihre Organisation im Grunde der Behördenwillkür ausgesetzt …

Scherbakowa: Ja, laut Agentengesetz müssen alle Publikationen und öffentlichen Veranstaltungen einer betroffenen Organisation mit dem Vermerk versehen sein, wonach sie auf der Liste der ausländischen Agenten steht. Das schafft viele Möglichkeiten für Schikanen: Man hat auf unserer Website Seiten gefunden, die 20 Jahre nicht mehr aktualisiert wurden. Auch unsere Bücher, die vor zehn Jahren erschienen waren, sollten gestempelt werden. Dieser Stempel gab die Möglichkeit, uns zu verfolgen, drangsalieren und ständig zu bestrafen.

Hinzukamen diffamierende TV-Sendungen des staatlich gelenkten Fernsehens, die auch gegen mich persönlich gerichtet waren, wegen des Geschichtswettbewerbs für Schüler, den ich leite. So war es auch, nachdem ich mich im Januar mit der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Moskau-Aufenthalt getroffen habe. Da hat man schon draußen auf mich gewartet. Ich schaue mir diese Sendungen schon seit Jahren nicht mehr an.

Im vorigen Oktober sind 40 junge Männer in unser Haus eingedrungen, als wir einen Film über die Hungersnot der 1930er-Jahre in der Sowjetunion gezeigt haben. Die sind reingestürmt und haben gerufen: „Raus aus dem Land, Hände hinter den Kopf.“ Im Saal saßen viele ältere Menschen, Frauen vor allem. Dann kam die Polizei, die wir gerufen hatten, und wir verwandelten uns ganz schnell von den Angegriffenen in die Verdächtigen. Sie waren bei uns bis drei Uhr in der Nacht und niemand durfte das Haus verlassen. Unsere Juristen wurden nicht hineingelassen. Das alles hat mich doch sehr an das Muster in Nazideutschland 1933 erinnert.

Das sollte für alle ein Signal sein

Im November bekamen wir von der Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen mehrmaliger Verletzung des Agentengesetzes zugestellt. Die Staatsanwaltschaft forderte die Liquidierung unserer Organisation. Im Nachhinein war es natürlich ein Zeichen, dass man die Liquidierung forderte. Das sollte für alle ein Signal sein: Wenn schon Memorial verboten wird, müssen die kleineren Organisationen begreifen, dass auch sie chancenlos sind. Es war aber auch das Signal nach außen, zu sagen: „Diese fünfte Kolonne wird vernichtet werden, ob ihr protestiert oder nicht.“ Das alles waren die Schritte zur gesellschaftlichen Säuberung vor dem Kriegsbeginn, damit immer weniger Proteststimmen im Lande bleiben. Das wissen wir jetzt.

Sie haben in den 1980er Jahren Oral History-Gespräche mit Opfern des Stalinismus geführt. Hätten Sie je für möglich gehalten, dass Sie persönlich in eine ähnliche Situation wie damals Dissidenten kommen könnten?

Scherbakowa:  Auf die eine oder andere Weise wurden wir immer mehr ausgegrenzt, aber wir dachten bis zuletzt, dass wir in Russland weiter arbeiten könnten. Niemand im Land hat so eine Archivsammlung von Dokumenten über die Repressalien der Sowjetzeit wie Memorial. Das sind Dokumente von 150.000 Menschen, Millionen von Dokumente. Das ist ein Erinnerungsort.

Wir haben geglaubt, dass es künftig unsere Hauptaufgabe sein würde, diese Dokumente zu hüten – also, ohne die Möglichkeit, öffentliche Arbeit zu betreiben, aber wenigstens als eine Archivinstitution weiter zu bestehen. Der Beginn des Krieges hat alles umgekrempelt. Alles. Ich habe nie das Land verlassen wollen, auch nicht in der Breschnew-Zeit. Aber jetzt hatte ich das Gefühl, dass es vielleicht einige Jahre nicht mehr möglich sein wird, in Russland zu leben.

Was passiert mit dem Archiv? Ist es gefährdet?

Scherbakowa: Es ist zu einem großen Teil digitalisiert. Die Arbeit daran wird weitergehen. Vieles kann man jetzt, egal von wo, vielleicht sogar noch besser von außen machen. Natürlich ist unsere Hoffnung, dass das jetzt nicht auf immer und ewig ist.

Sie rechnen nicht in Monaten, sondern in Jahren?

Scherbakowa: Alles kann passieren. Der Krieg hat viel in Frage gestellt, und wenn bislang viele Menschen in Russland noch nicht begriffen haben, so habe ich das Gefühl, dass sie jetzt begreifen, aber es wird nicht schnell geschehen.

In den meisten Ländern in Osteuropa war vor gut 30 Jahren die Demokratisierung ihrer Gesellschaft eng mit der faktischen Unabhängigkeit von der Sowjetunion verbunden, die sie sich friedlich erkämpft haben. In der russischen Gesellschaft findet sich hierfür keine wirkliches Äquivalent, denn das System ist von innen heraus zerfallen. Ist das ein Grund dafür, warum das Land unter Putin in eine Diktatur abgedriftet ist und sein rückwärtsgerichteter Imperialismus offenbar in der Mehrheitsgesellschaft auf fruchtbaren Boden fällt?

Scherbakowa: In der Tat ist das jetzt eine Diskussion, warum es dazu gekommen ist. Wir haben damals Memorial auch gegründet, um die Menschen darüber aufzuklären, welche Bedeutung die sowjetische Terrorgesellschaft hatte. Bei seinem Plädoyer zur Liquidierung von Memorial hat der Staatsanwalt erst gar kein Wort über Strafen oder die vermeintliche Verletzung des Agentengesetzes verloren. Er sagte ganz offen, Memorial habe versucht, das Bild des sowjetischen Staates als eines Terrorstaates zu konstruieren, das der Auffassung des russischen Staates widerspreche. Das sei eine Diffamierung unseres Staates.

Da ist vor allem Angst vor diesem Staat: Anpassung und Wegschauen sind die Folgen.

Unser Schülerwettbewerb „Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert“, den wir mehr als 20 Jahre veranstaltet haben, und unsere Arbeit mit den Jugendlichen waren für ihn Antipatriotismus und Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Das war eine klare Aussage, dass es sich um eine politische Entscheidung handelt. Wir haben immer wieder gewarnt, wenn es einen neuen Schritt zu einer Rechtfertigung der Vergangenheit gab. Das war ein schleichender Prozess, der bereits Mitte der 1990er-Jahren eingesetzt hat. Wir haben die zunehmende Rechtfertigung eines starken Staates – und was das in Russland bedeutet – erlebt, als der Fokus auf Stalin kam, als das stärkste und einflussreiche Sinnbild dies starken Staates. Hinzu kam die Konstruktion des großen Vaterländischen Krieges, wie der Zweite Weltkrieg in Russland immer schon genannt wurde, der eine patriotische Ikone geworden ist.

Wir haben immer gewarnt, dass den Menschen ein schiefes Geschichtsbild vermittelt wird und dass die Folgen des Terrors über Generationen wirksam werden oder sich neue bilden. Da ist vor allem Angst vor diesem Staat: Anpassung und Wegschauen sind die Folgen. Wir haben stets unsere Stimme erhoben, und es gab auch immer wieder Protestwellen. Aber wir waren in der Minderzahl, viele Menschen haben sich mit der Situation in Russland abgefunden und wollen die Proteste nicht wahrnehmen. Insofern tat sich dies russische Gesellschaft schwer, aus ihrer Geschichte zu lernen.

2010 habe ich eines Ihrer Bücher, „Zerissene Erinnerung“, betreut. Schon damals haben wir im Klappentext geschrieben: „Historiker haben in Russland gegenwärtig keine leichte Aufgabe, denn jeder kritische Blick auf die Vergangenheit gilt schnell als Nestbeschmutzung.“ …

Scherbakowa: … und es wurde noch schlimmer …

… trotzdem hätte keiner damals die jüngste Entwicklung für möglich gehalten.

Scherbakowa: Woran man nicht glauben wollte, dass man diese wahnsinnigen imperialen Vorstellungen zu realisieren beginnt, bis zuletzt nicht. Deswegen kann man auch die Menschen verstehen, die weggeschaut haben. Ich glaube nicht daran, dass die Menschen in Russland – die schweigende und unterstützende Mehrheit – nichts wissen. Sie wollen nichts wissen. Das haben wir auch schon erlebt – das gab es zum Beispiel auch in Deutschland nach der Zeit des Nationalsozialismus. Es ist unvermeidbar, dass sich eine Gesellschaft den Fragen nach Schuld und Verantwortung stellen muss.

Was besonders erschreckend ist, sind diese messianischen Vorstelllungen von der eigenen Rolle. Das zeigte sich  schon  2005, als Putin sagte, der Fall der Sowjetunion sei die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen

In Russland sind alle Institutionen – die Wahlen, die Verfassung, eine freie Presse – vernichtet und zu Attrappen geworden. Es konzentriert sich sehr viel Macht um eine Figur. Dieser Prozess hat vor Jahren eingesetzt und war immer deutlicher zu beobachten. Es gab immer weniger Menschen, die eine eigene Meinung haben – angefangen bei den Maßnahmen gegen Michail Chodorkowski, der von 2003 bis 2013 in Haft saß, nachdem er den Abbau der Demokratie und Anstieg der Korruption unter Putin kritisiert hatte, bis hin zur Verfolgung des russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny, der erst vergiftet und dann verhaftet und verurteilt wurde.

Die Macht konzentriert sich um eine Figur – Wladimir Putin – und ein paar Menschen um ihn herum. Da gab es toxische Vorstellungen, eine Giftmischung aus Nationalismus, Imperialismus, Ressentiments und Verachtung anderer Völker und Republiken, die sich aus der Sowjetunion befreit haben. Was besonders erschreckend ist, sind diese messianischen Vorstelllungen von der eigenen Rolle. Das zeigte sich  schon  2005, als Putin sagte, der Fall der Sowjetunion sei die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen. Er sieht sich als der Retter und derjenige, der aus dieser Katastrophe das russische Imperium wieder erstehen lässt. Putin ist weder ein Monarchist noch ein linker Sozialist. Das ist eine völlig absurde und in sich widersprüchliche Mischung, der keine ausgearbeitete Ideologie oder Theorie wie zum Beispiel der Marxismus zu Grunde liegt.

Sie sprechen von messianischen Vorstelllungen: In Russland gibt es eine unheilige Allianz zwischen Putin und dem orthodoxen Patriarchen Kyrill I. Wie ist das zu erklären?

Scherbakowa: Die russisch-orthodoxe Kirche war immer an den Staat angebunden, sie war seit Zar Peter dem Großen nie selbstständig, sondern immer angepasst. Man sollte sich an Leo Tolstoi erinnern: Er gehörte trotz einer tiefen christlichen Überzeugung zu den vehementen Kritikern der Deutung des Christentums durch die russisch-orthodoxe Kirche und lehnte sich gegen sie auf.

Die russisch-orthodoxe Kirche stand nie an der Seite der unterdrückten Bauern oder anderen Völker. Sie hat die repressive Politik unterstützt. Viele Theorien haben ihren Ursprung in der orthodoxen Verherrlichung des Staates. Deswegen kann man nicht einmal erwarten, dass Kyrill seine Stimme erhebt und für den Frieden spricht, sondern über den transzendenten Charakter des Kriegs spricht. Seine Rede ist unannehmbar für die wirklich Gläubigen. Trotz allen Wegschauens, hat die russisch-orthodoxe Kirche an Einfluss in der Gesellschaft verloren. Anderseits spricht aus dem, wie Putin auf den Westen blickt, die klare antimodernistische Sichtweise der Orthodoxen Kirche.

Sie beschreiben die Entwicklung als allmählichen Prozess. Aus Ihrer Sicht gab es nicht so etwas wie einen Kipppunkt?

Scherbakowa: Es kam viel zusammen: Es schleicht sich ein, es wird nicht verhindert … Den Menschen ging und geht es nicht schlecht unter Putin. Trotz aller Krisen war es für die Menschen bislang ein mehr oder weniger normales Leben. In der Provinz ist die Versorgungslage schwieriger als in den Großstädten. Die Bevölkerung will die Veränderungen nicht wahrnehmen und stellt sich nicht gegen Putin.

Die Mehrheit ist also indifferent …

Scherbakowa: Ja, die Menschen passen sich an und wollen wegschauen. Es ist angenehmer, zu glauben, dass die russische Armee die Nationalisten besiegt, als der Wahrheit ins Auge zu sehen. Denn diese Wahrheit ist unerträglich. Wenn man sich vorstellt, dass die Großstädter ausgebombt werden, dass auch Kinder getötet werden, dass Millionen flüchten müssen – da will man wegschauen.

Durch die staatlichen Medien ist die Kriegsrealität in der Ukraine in Russland inzwischen allerdings auch nicht sichtbar.

Scherbakowa: Man kann sich trotz alledem im Internet informieren. Manchmal ist es auch ein Trick der Propaganda, dass dieselben Bilder gezeigt werden, nur unter den entgegengesetzten Vorzeichen, nämlich mit der Behauptung, dass ukrainische Nationalisten verantwortlich seien: die das alles angerichtet haben, die sich hinter den Kindern und den alten Menschen verstecken und sie zu ihren Geiseln machen.

„Richtig zu lügen“ war früher eine Art Staatskunst. Da gibt sich die russische Staatsführung allerdings keine Mühe. Sie agiert plump und kümmert sich auch nicht im Ansatz um so etwas wie Logik.

Scherbakowa:  Das ist das Interessante, dass die Menschen diese Logik nicht suchen. Wenn im Donbass wirklich Menschen verfolgt worden wären, warum hatte die Regierung dann acht Jahre Geduld? Das wird nicht hinterfragt.

Haben Sie die Hoffnung, dass das Kriegsgeschehen dennoch einen Effekt nach Russland hinein haben wird?

Scherbakowa: Dieser Angriffskrieg ist eine moralische, wirtschaftliche und politische Katastrophe für Russland. Aber ich weiß nicht, wie schnell diese Folgen sichtbar werden. Es gibt sehr viele gefallene Soldaten. Diese Zahlen werden versteckt. Es gibt Sanktionen, die unser wirtschaftliches Leben in kürzester Zeit lahmgelegt haben. Die Preise sind gestiegen, viele ausländische Firmen sind weg, die Menschen haben ihre Arbeitsplätze verloren. Es gibt Engpässe bei lebensnotwendigen Medikamenten. Es ist schon spürbar, was alles passiert. Ich glaube aber, dass es lange dauern kann, bis die Menschen wirklich begreifen, wohin die Reise geht. Es wird für sie bequemer sein, die gesamte Verantwortung dann auf Putin zu schieben.

Würden Sie sagen, das Putin ein Kriegsverbrecher ist?

Scherbakowa: Ja, aber ich glaube, das ist fast ein zu kleiner Ausdruck, das ist zu banal. Er gehört vor ein Tribunal wie in Den Haag gestellt. Ein Prozess muss Verantwortung klar benennen. Er hat die gesamte Weltordnung nach 1945 auf den Kopf gestellt. Es liegt mir nicht, seine Figur noch größer zu machen. Es gibt eine große Diskrepanz in meinen Augen, was das für ein Mensch ist und was diese Entscheidungen bedeuten. Aber die Entscheidungen sind so schwerwiegend, dass man auch darüber nachdenken muss, wie man sie bezeichnet.

Sie formulieren die Hoffnung, dass Putins Zeit abläuft. Wie geht es für Sie weiter?

Scherbakowa: Man fühlt sich als einzelner Mensch ohnmächtig, ob die eigene Tat etwas bewirken kann. Vor zwei Jahren gab es die Geschichte der russischen Journalistin Irina Slawina, die sich in Nischnij Nowgorod selbst verbrannt hat. Das war ein so entsetzliches Zeichen, weil sie keine andere Möglichkeit mehr sah, ihre Stimme zu erheben. Jeder muss das tun, was er machen kann. Und ich hatte das Gefühl, dass ich das jetzt im Land selbst nicht mehr machen kann. Schreiben und öffentlich auftreten kann ich besser von außen. Trotz aller Einschränkungen hat das Internet einige Grenzen weggewischt. Viele emigrierte Journalisten bauen von außen ihre Kanäle auf und versuchen, für die Menschen weiter zu machen.

Ich werde, wenn es das Schicksal erlaubt, zurückgehen. Mein Leben ist dort. Ich habe die Wohnung einfach zugeschlossen und bin mit Mann, Hund und zwei Koffern raus.

Sie haben deutsche Literaten ins Russische übersetzt. Darunter waren auch Texte Heinrich Bölls, der mit ihrem Vater befreundet war. Böll war auch eng mit dem sowjetischen Dissidenten Lew Kopelew befreundet. Kopelew war im Exil eine wichtige Stimme zur Sowjetunion. Ist das eine Rolle, die Exil-Russen wie Sie jetzt einnehmen müssen?

Scherbakowa: Ja, es ist wichtig, dass man die Menschen in Europa erreichen kann, da hat sich schon etwas geändert. Einige Jahre habe ich mich ziemlich verzweifelt gefühlt. Wir haben immer wieder gesagt, wohin die Reise in Russland geht – auch wenn ich mir sicherlich diese Katastrophe nicht vorgestellt habe. Aber wir haben in Deutschland in den letzten 20 Jahren nicht viel Gehör gefunden. Und das in einem Land mit einem entwickelten Journalismus und Pressefreiheit. Doch immer wieder ließ man Figuren wie Gabriele Krone-Schmalz in Talkshows sprechen, von Gerhard Schröder gar nicht erst zu reden, ohne das es wirkliche Gegenstimmen gab.

Das war absolut unerträglich für mich, wie diese russischen Einflussagenten, nichts anderes sind sie, eine Plattform erhielten: Man müsse Putin verstehen, er fühle sich hintergangen …  Um Gotteswillen! Das war auch eine Art der Selbstbeschwörung, verbunden mit sehr konkreten deutschen Wirtschaftsinteressen. Der Krieg hat aber auch das geändert.

Interview:  Boris  Spernol

Irina Scherbakowa: Zerrissene Erinnerung

Zur Person

Die russische Germanistin und Historikerin Irina Scherbakowa gehört zu den Gründungsmitgliedern der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in Moskau. Sie setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, über die Repressionspolitik der ehemaligen Sowjetunion aufzuklären. Im Oktober 2016 wurde „Memorial“ durch das russische Justizministerium auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt. Scherbakowa ist Leiterin der Jugend- und Bildungsprogramme, koordiniert Oral History-Projekte sowie den alljährlichen, landesweiten Schülerwettbewerb „Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert“.  Als Autorin und Herausgeberin hat Irina Scherbakowa zahlreiche Bücher zu den Themen Stalinismus und Erinnerungskultur veröffentlicht, viele davon sind in deutscher Sprache erschienen. Im Wallstein-Verlag ist ihr Buch „Zerrissene Erinnerung. Der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland“, erschienen, 152 S., ISBN 978-3-8353-0601-1, 15 Euro.