Turbulente Frauenwoche in der Kirche

Eine Woche lang bewegte die Initiative Maria 2.0 nicht nur die Frauen in der katholischen Kirche. Die Resonanz war groß. Doch was hat es gebracht? Wie geht es weiter? Und was haben Maria 1.0 und Josef 2.0 damit zu tun?

Erst fing es klein an – mit einer Handvoll katholischer Frauen in Münster. Denen es nicht mehr reicht, im Kirchenchor zu singen, Fürbitten im Gottesdienst vorzulesen, Kinder auf die Kommunion vorzubereiten und im Pfarrgemeinderat mit zu diskutieren. Und bei denen der Umgang mit dem Missbrauchsskandal das Fass zum Überlaufen brachte.

Frauenprotest in Kierspe (Foto: privat)

Sie wollen mehr: Eine weiblichere Kirche – bis hin zur Priesterweihe, an die immer noch die entscheidenden Ämter und Befugnisse geknüpft sind. Zumindest die Weihe zur Diakonin sollte aus ihrer Sicht möglich sein. Und um diesen schon länger bekannten Forderungen Nachdruck zu verleihen, starteten sie die Aktion Maria 2.0. Verbunden mit einem „Kirchenstreik“, auch wenn viele das Wort nicht mögen: Eine Woche lang wollten sie kein Gotteshaus betreten, alle Ehrenämter ruhen lassen und stattdessen Gebetswachen, Maiandachten und alternative Gottesdienste vor der Kirchentür veranstalten.

„Überwältigt“ von der Resonanz

Als „ehrenamtliche Initiative ohne Geld und Personal“ hätten sie keinen Gesamtüberblick über die exakte Beteiligung, berichtete Mit-Initiatorin Lisa Kötter der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Doch sie wüssten bisher von mehr als 1.000 Gruppen in Deutschland „mit mehreren Zehntausend Leuten mindestens“, die mitgemacht hätten. Rückmeldungen – „weit überwiegend positiv“ – gebe es zudem aus halb Europa, Nord- und Südamerika und aus Australien.

Sie sei „überwältigt“ von der Resonanz, sagte Maria Flachsbarth, die Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), der KNA. Maria 2.0 habe gezeigt, dass die Forderungen nicht nur von „ein paar verrückten Aktivistinnen an der Spitze der Frauenverbände“ getragen würden, sondern „von der breiten Mehrheit der Frauen an der Basis, die das aktive Gemeindeleben vor Ort entscheidend tragen und prägen“.Die Proteste zeigten, wie tief das Gefühl sitze, zu wenig gehört zu werden, betonte Flachsbarth. Sie freue sich darüber, dass viele Bischöfe Verständnis gezeigt hätten für die Forderungen der Frauen: „Ich hoffe, dass sie jetzt auch ihre Ankündigungen wahrmachen und den beschlossenen Synodalen Weg mit uns gemeinsam gehen.“

Dabei dürfe es aber nicht nur beschwichtigende Worte geben, sondern konkrete Schritte nach vorne. Auch wenn der Weg zur Priesterweihe „zumindest im Moment“ versperrt sei, sei doch die Weihe von Frauen zu Diakoninnen ein „gangbarer Weg“, so die KDFB-Präsidentin. Das hätten auch etliche Bischöfe so formuliert. Zugleich rief Flachsbarth die deutschen Bischöfe auf, die Reformdiskussionen auf Bundesebene auch als Impuls in die weltkirchliche Debatte einzubringen.

Kritik und Verständnis

Natürlich gibt es auch Kritik. Vor allem die Berufung auf Maria und der Boykott der Gottesdienste stoßen vielen auf. Vom „Verrat am Kern des Glaubens“ ist die Rede und vom „Missbrauch der Gottesmutter“. Die Schongauer Lehrerin Johanna Stöhr, die als Alternative die Aktion Maria 1.0 ins Leben rief, erklärte: „Maria braucht kein Update.“ Wer als Frau nach Weiheämtern strebe, sei „auf dem Holzweg“. Denn „als Frau ist es nicht meine Aufgabe, Priester zu werden. Das ist die göttliche Ordnung.“

Unterstützung für die Aktion bekundete die frühere deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Rom, Annette Schavan. „Ich sehe diese Aktion als eine Chance in sehr schwieriger Zeit, endlich einander ernst zu nehmen im Dialog“, sagte sie der „Augsburger Allgemeinen“ (Freitag). Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, trat im „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Freitag) der Kritik entgegen, dass Gottesdienste boykottiert würden. Die Frauen stünden „vor den Kirchentüren, beten, singen und feiern“.

Und die Bischöfe? Der Gottesdienst-Streik stößt auch bei ihnen auf wenig Gegenliebe, wie der für Frauenfragen zuständige Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode im KNA-Interview betonte: „Die Eucharistie kann kein Instrument eines solchen Protests sein.“ Ein Boykott könne sogar die differenzierte Auseinandersetzung gefährden. Zugleich äußerte Bode viel Verständnis für den Frust und die Anliegen der Frauen: „Es wird zu Spaltungen kommen, wenn fundierte Reformforderungen nicht ernst genommen werden und wir in den Veränderungen der Welt nicht auch zu neuen Antworten kommen.“

Zulassung von Frauen zum Priesteramt „theologisch denkbar“

Würzburgs Bischof Franz Jung sagte, er verstehe den Protest als Ausdruck echter Sorge um eine gute Entwicklung der Kirche. Aus Sicht des Berliner Erzbischofs Heiner Koch geht es nicht einfach darum, Rechte freizukämpfen, sondern um „die Glaubwürdigkeit der Kirche und die Bereicherung der Kirche auch durch Frauen“.

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr nennt sogar eine Zulassung von Frauen zum Priesteramt „theologisch denkbar“, auch wenn er sie derzeit mit Blick auf die Weltkirche für „absolut unvorstellbar“ hält. Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer dagegen sieht dauerhaft keine Möglichkeit der Weihe von Frauen: „Es führt uns keinen Millimeter weiter, wenn wir uns die Geschichte der Kirche zurechtbasteln, um uns dann am Ende etwa ein Frauenpriestertum zu genehmigen“.

Weiheverbot von Frauen keine Glaubenswahrheit

Nach Einschätzung des Freiburger Kirchenrechtlers Georg Bier können Katholikinnen auch künftig nicht Priesterinnen werden. Papst und Lehramt hätten hier „das letzte Wort gesprochen“, sagte er der KNA. Bei der Frage nach Diakoninnen sei dies anders – was mehrere deutsche Bischöfe ähnlich formulieren. Eine mögliche Änderung könne aber alleine vom Papst ausgehen. Die Weihe von Frauen würde zu einer „dramatischen Zerreißprobe“ für die Kirche führen, so Bier. „Bestimmte Gruppen würden die Legitimität des Papstes radikal in Frage stellen.“ Klar sei aber, dass das Weiheverbot von Frauen keine Glaubenswahrheit sei und eine Änderung also keine Häresie, kein Abfallen vom Glauben, bedeuten würde.

Und wie geht es jetzt weiter? Die Protestwelle sei „keine Eintagsfliege“, erklärte die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Mechthild Heil. Und mahnte gleichzeitig: „Wenn wir nicht bald sichtbare und spürbare Veränderungen haben, läuft die Amtskirche Gefahr, dass die Frauen ihr scharenweise den Rücken kehren.“ Sie setzt – genau wie KDFB-Präsidentin Flachsbarth und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) – auf den sogenannten Synodalen Weg, den die Bischofskonferenz beschlossen hat und ab Herbst gemeinsam mit katholischen Laien und Verbänden gehen will.

„Impuls für den Dialog“

Ebenso wie etliche seiner Amtsbrüder sieht auch Hamburgs Erzbischof Stefan Heße in Maria 2.0 einen „Impuls für den Dialog“. Er wirbt ausdrücklich für eine Beteiligung der Initiative am Synodalen Weg. Auch die Amazonas-Synode im Herbst könne die Kirche in der Frage nach dem Zugang zum Priesteramt voranbringen, hofft Flachsbarth. Zugleich ruft sie die deutschen Bischöfe auf, die Reformdiskussionen auf Bundesebene auch als Impuls in die weltkirchliche Debatte einzubringen.

Die Initiatorinnen aus Münster freuen sich nach der turbulenten Woche erst einmal auf ein wenig Zeit zum Ausruhen. Doch nicht zu lange, so Lisa Kötter, denn „wir haben so viele Anregungen bekommen für regelmäßige Aktionen“. Konkret planen sie als erstes eine Konferenz mit anderen Gruppen aus aller Welt, die sich für Veränderungen in der Kirche einsetzen. Die mehreren Zehntausend Unterschriften unter ihrem Brief an den Papst würden sie Franziskus gerne persönlich überreichen, am liebsten verbunden mit einem kurzen Gespräch.

Und ganz nebenbei hofft Lisa Kötter auf weitere Mitstreiter beim Kampf für mehr Frauenrechte in der Kirche. Tatsächlich Mitstreiter, denn „ein Drittel der Leute, mit denen wir Kontakt haben, sind Männer“. Einer habe ihr geschrieben: „Sollen wir nicht Josef 2.0 gründen?“ Ihre Antwort: „Machen Sie es, bitte!“

kna

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