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Italiens Corona-Krise und ihre Folgen für Rom-Touristen und den Vatikan

(Foto: © Rinofelino | Dreamstime.com)

Geschlossene Museen und ein „eingesperrter Papst“

Die jüngsten Notfallerlasse der Regierung in Rom treffen jetzt auch die Hauptstadt – und den Vatikan. Geschlossene Museen, leere Restaurants und der Papst nur per Video-Stream.

Dieses Angelus-Gebet heute ist etwas seltsam, mit dem Papst ’eingesperrt‘ in der Bibliothek“, sagt Franziskus und zuckt entschuldigend die Schultern. An einem Pult in der Bibliothek des Apostolischen Palastes stehend, beginnt das Kirchenoberhaupt seine Ansprache zum traditionellen Mittagsgebet des Angelus am Sonntag. „Aber ich sehe euch und bin euch nahe“, fügt der Papst hinzu. Für die Menschen auf dem Platz ist er diesmal nur auf Großbildschirmen zu sehen.

Papst bittet um Verständnis

Der Papst bittet um Verständnis für die Maßnahme, die eine weitere Verbreitung des Coronavirus vermeiden helfen soll. Da er nicht wie sonst vom offenen Fenster aus spricht, konnten an den Eingängen zum Petersplatz die Sicherheitskontrollen entfallen. Bei denen stehen Menschen länger gedrängt und sind wie die Polizisten einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt.

Doch trotz Viruskrise sind fast so viele Gläubige und Touristen auf den Petersplatz gekommen wie sonst auch. Allerdings stehen sie weiter verteilt; so halten viele den von Italiens Regierung geforderten Mindestabstand von einem Meter besser ein.

Virus-Krise hat den Vatikan voll erwischt

Nun hat Italiens Virus-Krise auch den Vatikan voll erwischt. Am Nachmittag gibt er bekannt, dass sämtliche Museen bis zum 3. April geschlossen bleiben. Ein harter Schnitt, wenn man bedenkt, dass die Vatikanischen Museen – zu den fünf größten der Welt gehörend – eine seiner wichtigsten Finanzquellen sind. Auch Roms Mammut-Ausstellung im Quirinalspalast zum 500. Todestag des Ausnahmekünstlers Raffael Sanzio ist bis auf weiteres geschlossen. Am Samstag waren dort noch lange Schlangen zu sehen.

Die Maßnahmen folgen den jüngsten, in nächtlicher Krisensitzung unter Premier Conte beschlossenen Erlassen. So wurde am Sonntagfrüh fast ganz Norditalien, wirtschaftliches Herz und Hirn des Landes, mehr oder weniger unter Quarantäne gestellt. In der Lombardei sagten die Bischöfe bis vorläufig sämtliche Messen ab.

Messen werden gestreamt

Allein, nur mit drei weiteren Priestern, feierte Mailands Erzbischof Mario Delpini eine Messe, die über lokale Sender und im Internet übertragen wurde, damit die Gläubigen zu Hause mitfeiern können. Ähnlich tat es Venedigs katholischer Patriarch Francesco Moraglia. Auch die Morgenmessen im Gästehaus Santa Marta, die der Papst ab sofort nur alleine feiert, werden ab Montag über Vatican News live gestreamt.

In der Hauptstadt Rom ist es ruhig wie sonst zu Ferragosto – nur mit deutlich weniger Touristen als im August. Seitdem am Donnerstag landesweit die Schulen geschlossen wurden und viele Eltern ihre Sprösslinge zu Hause betreuen müssen, haben Staus deutlich abgenommen. Am Trevi-Brunnen gibt es kein Gedränge mehr. Auf dem Petersplatz bildet sich am Sonntagmittag noch einmal eine rund 200 Meter lange Warteschlange für den Petersdom.

Besucherzahlen um bis zu 90 Prozent eingebrochen

Dort jedoch verloren sich zuletzt Touristen und Pilger fast. „Binnen einer Woche sind die Besucherzahlen eingebrochen – um 80 bis 90 Prozent“, schätzt einer der Aufseher in der Kirche. Innerhalb einer knappen Woche hätten über 800 Gruppen abgesagt.

„Die wirtschaftlichen Folgen werden viel schlimmer sein als die des Virus selbst“, sagt der Mann an der Kasse des Souvenirshops im Museum des Petersdoms. Bereits jetzt wird der wirtschaftliche Schaden für Handel und Tourismusgewerbe in Rom auf über 800 Millionen Euro geschätzt. Hotels schließen ihre Bars abends, um Personalkosten zu sparen, etliche Restaurants sind nahezu leer.

Blick mit Sorge auf Karwoche und die Ostertage

Den bisherigen Touristenschwund hält Carlo Cafarotti, Experte für Handel und Tourismus in Rom, für nicht so tragisch. Problematisch nannte er Absagen, die im März und April erfolgen, zitierte ihn die Zeitung „Il Tempo“. Bisher relativ stabil seien die Zahlen deutscher Touristen, so Cafarotti. Viele der am Sonntagfrüh von der Regierung verkündeten Maßnahmen gelten bis 3. April.

Auf das, was danach kommt, blicken nicht nur Kirchenvertreter mit Sorge: Mit Palmsonntag am 5. April beginnen die Karwoche und die Ostertage, Hochsaison der Rom-Pilger. Keiner mag sich ausmalen, was passiert, wenn der Ausnahmezustand bis dahin anhält. Daher ist Ruhe bewahren erste Bürgerpflicht. Staatspräsident Sergio Mattarella rief seine Landsleute per Fernsehansprache am Donnerstagabend auf, „Vertrauen zu haben und sorgfältig den Hinweisen der Regierung zu folgen“.

Blick aus dem Fenster

Unterdessen schien Papst Franziskus der erste reine Video-Auftritt auf dem Petersplatz nicht ganz geheuer: „Und jetzt gehe ich ans Fenster, um euch doch noch live zu sehen“, beendete er seine Ansprache. Einige Minuten später zeigte sich der Papst an dem Fenster, von dem aus er sonst den Angelus betet, winkte und segnete die Menschen. Mehr und mehr hat Italien dies nötig.

Von Roland Juchem (KNA)

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