Chronik der Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln

Seit mehr als einem Jahr sorgt die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln für Wirbel. Nun hat Papst Franziskus eine Apostolische Visitation, also eine offizielle Überprüfung, für das Erzbistum angeordnet. Wichtige Stationen in der Debatte um die Kölner Missbrauchsgutachten und die Konsequenzen.
Kardinal Woelki, Seit längerem sorgt ein bislang nicht veröffentlichtes Missbrauchsgutachten im Erzbistum Köln für Wirbel. Kardinal Rainer Maria Woelki hatte es 2018 bei der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in Auftrag gegeben, hält es aber wegen "methodischer Mängel" unter Verschluss. Nun meldet sich die Kanzlei öffentlich zu Wort und drängt auf eine Publikation ihrer Expertise. Wichtige Stationen der Debatte.

Kardinal Rainer Maria Woelki (Foto: © bilder-erzbistum-koeln.de/Reiner Diart)

Seit mehr als einem Jahr sorgt die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln für Wirbel. Nun hat Papst Franziskus eine Apostolische Visitation, also eine offizielle Überprüfung, für das Erzbistum angeordnet. Wichtige Stationen in der Debatte um die Kölner Missbrauchsgutachten und die Konsequenzen.

Seit längerem sorgt ein bislang nicht veröffentlichtes Missbrauchsgutachten im Erzbistum Köln für Wirbel. Kardinal Rainer Maria Woelki hatte es 2018 bei der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in Auftrag gegeben, hält es aber wegen „methodischer Mängel“ unter Verschluss. Nun meldet sich die Kanzlei öffentlich zu Wort und drängt auf eine Publikation ihrer Expertise. Wichtige Stationen der Debatte.

25. September 2018:

Die Deutsche Bischofskonferenz stellt eine bundesweite Studie zu Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche ohne Nennung von Namen vor. In den Kirchenakten von 1946 bis 2014 fanden die Autoren Hinweise auf bundesweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. Im Erzbistum Köln verzeichnen sie mindestens 135 Betroffene und 87 beschuldigte Priester.

13. Dezember 2018:

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki beauftragt die Kanzlei WSW, in einem Gutachten zu prüfen, ob die Diözesanverantwortlichen bei Missbrauchsfällen im Einklang mit kirchlichem und staatlichem Recht handelten und ob ihr Vorgehen dem kirchlichen Selbstverständnis entsprach. Rechtsverstöße und hierfür Verantwortliche seien möglichst konkret zu benennen.

10. März 2020:

Das Erzbistum sagt die für den 12. März 2020 geplante Vorstellung des Gutachtens überraschend ab. Die vorgesehene Nennung von Verantwortlichen müsse noch „äußerungsrechtlich“ abgesichert werden. Befürchtet werden Rechtsstreitigkeiten mit ehemaligen oder aktiven Entscheidungsträgern.

23. September 2020:

Vorwürfe gegen den Hamburger Erzbischof Stefan Heße werden bekannt, nach denen er in seiner Zeit als Personalchef im Erzbistum Köln Missbrauchsfälle vertuscht haben soll. Die „Zeit“-Beilage „Christ&Welt“ veröffentlicht Teile des WSW-Gutachtens, in denen Heße eine „indifferente“ und „von fehlendem Problembewusstsein“ geprägte Haltung gegenüber Opfern vorgeworfen wird. Heße weist die Anschuldigungen zurück.

30. Oktober 2020:

Das Erzbistum Köln teilt mit, dass das WSW-Gutachten nicht veröffentlicht werden soll. Dabei beruft es sich auf andere Gutachter wie den Richter am Frankfurter Oberlandesgericht, Matthias Jahn, wonach die Untersuchung „methodische Mängel“ enthalte. Der Kölner Strafrechtler Björn Gercke bekommt den Auftrag für ein neues Gutachten, das spätestens am 18. März 2021 veröffentlicht werden soll.

12. November 2020:

Die Kanzlei WSW veröffentlicht ein Missbrauchsgutachten für das Bistum Aachen. Es belastet unter anderem Altbischof Heinrich Mussinghoff (80) und seinen früheren Generalvikar Manfred von Holtum (76) und bescheinigt ihnen eine „unverdiente Milde“ gegenüber des Missbrauchs verdächtigten und verurteilten Geistlichen.

18. November 2020:

Die inzwischen zurückgetretenen Sprecher des Betroffenenbeirats im Erzbistum Köln, Patrick Bauer und Karl Haucke, werfen Woelki in einem Zeitungsbeitrag „erneuten Missbrauch von Missbrauchsopfern“ vor. Die Zustimmung des Gremiums zur Absage der Veröffentlichung des WSW-Gutachtens sei unter Druck gefallen und der Rat sei „völlig überrannt“ worden.

20. November 2020:

Erzbischof Heße informiert die römische Bischofskongregation über die Vorwürfe gegen seine Person. Der Vatikan soll nach Veröffentlichung der Kölner Studie über seine Zukunft als Hamburger Erzbischof entscheiden. Sein Amt als Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) lässt er bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen.

26. November 2020:

Ein vom Erzbistum Köln bisher zurückgehaltenes WSW-Sondergutachten zum verurteilten Missbrauchstäter A. gelangt an die Öffentlichkeit. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ veröffentlicht die Expertise.

28. November 2020:

Kardinal Woelki und Generalvikar Hofmann kündigen an, das WSW-Gutachten Einzelpersonen zugänglich zu machen. Es soll Betroffenen oder Journalisten „im rechtlich möglichen Rahmen“ offen stehen, wenn das Gercke-Gutachten im März fertiggestellt ist. Zugleich geben sie Pläne zur Gründung einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bekannt.

2. Dezember 2020:

Ein Forschungsteam um den Historiker Thomas Großbölting veröffentlicht erste Ergebnisse einer Missbrauchsstudie über das Bistum Münster. Sie attestiert den verstorbenen Bischöfen Joseph Höffner, Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann „massives Leitungs- und Kontrollversagen“. Sein Vorgehen orientiere sich an dem der Kanzlei WSW, so Großbölting.

9. Dezember 2020:

Ein weiterer Missbrauchsfall aus dem WSW-Gutachten wird öffentlich. Medienberichten zufolge soll der heute 73-jährige Ruhestandsgeistliche und religionspädagogische Sachbuchautor F. in den 80er-Jahren erstmals auffällig geworden sein. Der frühere Kardinal Joachim Meisner und sein Generalvikar, der heutige Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, sollen den Geistlichen nicht mit den vorgeschriebenen Sanktionen belegt haben.

10. Dezember 2020:

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ veröffentlicht den Missbrauchsfall des Priesters O. und erhebt Vorwürfe gegen Kardinal Woelki. Er soll kurz nach seinem Amtsantritt als Erzbischof 2014 von dem Fall erfahren, ihn aber nicht nach Rom gemeldet haben. O. soll sich in den 70-er Jahren an einem Jungen im Kindergartenalter vergangen haben.

24./25. Dezember 2020:

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bittet in der Christmette Gläubige und Betroffene um Verzeihung dafür, dass sie in den vergangenen Wochen Kritik an der Nichtveröffentlichung des Gutachtens und an seiner Person hätten ertragen müssen.

30. Dezember 2020:

Mit Klaus Koltermann aus Dormagen fordert erstmals ein Pfarrer aus dem Erzbistum den Rücktritt Woelkis. Im Laufe des Januars kritisieren weitere Geistliche den Kardinal für sein Handeln in Sachen Missbrauch. Auch mehrere Kirchengemeinden äußern in öffentlichen Stellungnahmen Unmut über die Bistumsleitung.

5. Januar 2021:

Ein Hintergrundgespräch des Erzbistums, bei dem Pressevertreter Einblick in das in Teilen geschwärzte WSW-Gutachten bekommen sollten, wird abgebrochen, nachdem sich die acht eingeladenen Journalisten weigern, eine Verschwiegenheitserklärung zu unterzeichnen.

22. Januar 2021:

Die Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) dringt auf eine Veröffentlichung ihrer Untersuchung und wehrt sich gegen die Vorwürfe, das Erzbistum Köln bleibt bei seinem Nein.

29. Januar 2021:

Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln setzt seine Zusammenarbeit mit Kardinal Woelki aus und lässt seine Mitarbeit an der laufenden Neuausrichtung der Diözese ruhen.

4. Februar 2021:

Kardinal Woelki räumt erstmals Fehler bei der Missbrauchsaufarbeitung und im Umgang mit Betroffenen ein und wiederholt dies in der Folgezeit mehrfach. Auch Erzbischof Heße äußert sich erstmals seit mehreren Wochen wieder öffentlich zum Thema. Er habe über einen Amtsverzicht nachgedacht, bekennt er in einem Interview. Dazu könne ihn aber nur der Papst auffordern.

8. Februar 2021:

Aus dem Umfeld der Kurie wir bekannt, dass gegen Woelki offenbar keine kirchenrechtlichen Schritte geplant sind. Nach Einschätzung der zuständigen römischen Kurienbehörde musste er den Missbrauchsfall O. im Jahr 2015 nach damals geltendem Recht nicht zwingend nach Rom melden.

5. März 2021:

Das Erzbistum kündigt die Veröffentlichung der Gercke-Expertise für den 18. März an. Am 23. März sollen „Konsequenzen aus dem Gutachten“ vorgestellt werden. Ab dem 25. März können Interessierte wie Journalisten und Betroffene die WSW-Untersuchung einsehen, und „selbst einen Vergleich“ ziehen.

18. März 2021:

Das Gercke-Gutachten wird veröffentlicht. Es wirft früheren und amtierenden Verantwortungsträgern des Erzbistums Köln insgesamt 75 Pflichtverletzungen vor. Darunter sind der Hamburger Erzbischof Stefan Heße und der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Sie bieten noch am selben Tag Papst Franziskus ihren Rücktritt an. Bei Kardinal Woelki erkennt die Studie keine Pflichtverletzungen – auch nicht im Fall des Priesters O.

19. März 2021:

Auch der Kölner Weihbischof Ansgar Puff, dem das Gutachten in einem Fall eine Pflichtverletzung nachweist, wird auf eigenen Wunsch beurlaubt.

22. März 2021:

Zum künftigen Umgang mit Missbrauchsfällen stellt Generalvikar Markus Hofmann einen Acht-Punkte-Plan für das Erzbistum Köln vor. Einen Rücktritt lehnt Kardinal Woelki explizit ab.

25. März 2021:

Das zurückgehaltene WSW-Gutachten liegt für Journalisten, Betroffene und Interessierte zur beschränkten Einsichtnahme aus.

28. April 2021:

Die „Bild“-Zeitung veröffentlicht einen Bericht, nach dem Woelki 2017 den Geistlichen D. zum stellvertretenden Stadtdechanten von Düsseldorf ernannt hat, obwohl er von früheren Vorwürfen sexueller Übergriffe durch den Priester gewusst habe. Woelki dementiert. Zum Zeitpunkt der Ernennung sei lediglich ein nicht strafbarer Vorfall eindeutig belegt gewesen.

23. Mai 2021:

140 Mitglieder der Düsseldorfer Gemeinde Sankt Margareta fordern in einem Offenen Brief, dass Woelki eine anstehende Firmung in der Pfarrei nicht selbst spendet sondern an einen Vertreter überträgt. Sie halten den Kardinal laut ihrem Schreiben nicht mehr für glaubwürdig.

26. Mai 2021:

Eine E-Mail beinahe aller Stadt- und Kreisdechanten des Erzbistums an Kardinal Woelki wird bekannt. Darin kritisieren die führenden Geistlichen die Missbrauchsaufarbeitung.

27. Mai 2021:

Woelki kommt zum Gespräch in die Düsseldorfer Gemeinde Sankt Margareta. Vor dem Veranstaltungsort haben sich Demonstranten versammelt, die dem Kardinal Rote Karten entgegenstrecken.

28. Mai 2021:

Papst Franziskus ordnet eine Apostolische Visitation für das Erzbistum Köln an. Woelki begrüßt den Schritt und sagt Unterstützung zu.

kna
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