Kardinal Müller: Kritiker gestehen mir keinen guten Willen zu

Kardinal Gerhard Ludwig Müller wehrt sich gegen den Vorwurf, er verbreite Verschwörungsmythen. „Man gesteht einander einfach keinen guten Willen zu“, sagte der frühere Präfekt der römischen Glaubenskongregation im Interview der „Zeit“ (Donnerstag): „Ich verstehe nicht, warum man bei Vorwürfen immer gleich bis zum Äußersten gehen muss.“

Kardinal Müller (Foto: Heselmann)

Kardinal Müller (Foto: Heselmann)

Der Kardinal wehrt sich damit gegen die anhaltende Kritik an einem Brief von Erzbischof Carlo Maria Vigano, den er mit unterschrieben hatte. Darin wird unter anderem davor gewarnt, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, „die sich jeder Kontrolle entzieht“. Sie werde als Vorwand genutzt, um „Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt“ einzuschränken. So ernst der Kampf gegen Covid-19 sein möge, dürfe er nicht „als Vorwand zur Unterstützung unklarer Absichten supranationaler Einheiten dienen, die sehr starke politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen“.

Seine Unterschrift jetzt zurückzuziehen, wäre „die feige Variante“, so Müller: „In der Tat stammt keine einzige Zeile von mir. Normalerweise unterschreibe ich solche Aufrufe nicht, die notwendig allgemein gehalten sein müssen und im Detail nicht präzis sein können.“ Aber er habe Vigano, dem man „böse mitgespielt hat und der sehr isoliert ist“, auf seine Bitte nicht schroff eine Absage erteilen wollen.

Müller spricht von einem Appel zum Nachdenken

„Ich möchte auch klarstellen, dass ich seine Aufforderung an Papst Franziskus, zurückzutreten, nicht gutheiße“, ergänzte der Kardinal. Das Papier verstehe er als einen Appell zum Nachdenken: „Wenn alles so einfach zu widerlegen ist, warum wischen unsere klugen Anti-Verschwörungstheoretiker nicht mit drei geistreichen Sätzen das Papier vom Tisch oder versenken es in der Schublade?“

Dass die Deutsche Bischofskonferenz auf Distanz zu dem Papier gegangen sei, kommentierte Müller mit den Worten: „Die Bischofskonferenz hat sich auch von der Forderung des Papstes distanziert, die Neuevangelisierung an die Spitze der katholischen Reform zu stellen. Das belastet mich und nicht die Distanzierung vom einem Dreiseitentext.“ Weiter betonte der Kardinal, viele Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pandemie seien anfangs sicher richtig gewesen, doch dürfe man damit nicht jegliches Verbot rechtfertigen: „Es steht mir doch zu, Kirchenschließungen zu kritisieren, wenn Supermärkte geöffnet sind.“

Müller: Schon oft Griff nach Weltherrschaft in der Geschichte

Auf die Frage, ob die Idee einer Weltregierung nicht klassisch verschwörungstheoretisch sei, antwortete Müller: „Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass es schon oft den Griff nach der Weltherrschaft gab – durch den Faschismus wie durch den Kommunismus.“ Und niemand könne leugnen, dass heute mit modernsten technischen Methoden eine totale Kontrolle der Bevölkerung möglich wäre – „etwa durch Social Scoring in China“.

In der Demokratie seien solche Versuche vielleicht zum Scheitern verurteilt, aber „eine gewisse Wachsamkeit erfordert die Sicherung von Freiheit und Selbstbestimmung auch heute. Die Kritiker des Briefes blenden völlig aus, dass es illiberale Maßnahmen, wie sie im Brief angesprochen sind, tatsächlich gibt. Und ich kann nicht sehen, dass im sogenannten Westen oder in China die christliche Kultur allgemein gefördert wird.“

Von Gottfried Bohl (KNA)
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