Corona: Welche Folgen hat das Virus für die Kirche?

Staatliche Gottesdienstverbote waren vor einem Jahr noch undenkbar in demokratischen Staaten. Mit Corona wurden sie real. Ein neues Erfurter Forschungsprojekt soll aufdecken, welche Folgen das Virus für die Kirche hat.

Die Corona-Pandemie stellt nicht nur die Politik vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Auch die Kirche hat noch keine Patentrezepte gegen die Infektionsgefahr. Wie das Virus sich in verschiedenen Ländern Europas auf sie ausgewirkt hat, soll ein internationales Forschungsprojekt von katholischen Theologen der Universität Erfurt erkunden.

Digital gefeiertenGottesdienste und andere Formen der Seelsorge

Die Initiative kommt von der Dogmatikerin Julia Knop und dem Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann. Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf den neuen, digital gefeierten Gottesdiensten und anderen Formen der Seelsorge. Bei einer Auftakt-Tagung gaben Theologinnen und Theologen aus Österreich, der Schweiz, Polen und Slowenien am Freitag online erste Einblicke, wie die katholische Kirche in ihren Ländern mit der Krise umgeht.

Die Situation ist europaweit auf den ersten Blick in vielem ähnlich. Die meist kurzfristig verhängten staatlichen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus umfassten auch Verbote von Gottesdiensten und anderen Gemeinschaftsveranstaltungen der Religionsgemeinschaften. Auch sie entwickelten alternative Angebote im Internet. Gottesdienste auf youtube und Facebook oder gar Formate mit der Möglichkeit zu aktiver Beteiligung sind in allen Ländern mittlerweile etabliert.

Kritik an Online-Gottesdiensten

In der Theologie werden solche Online-Gottesdienste nicht nur als Ansporn zur Kreativität, sondern auch kritisch gesehen. „Ich finde es befremdlich, wie viele Menschen bei gestreamten Gottesdiensten nichts vermissen“, wunderte sich die Wiener Liturgiewissenschaftlerin Ingrid Fischer. Eine Teilnahme nur per Bildschirm wird auch aus Sicht der Schweizer Liturgiewissenschaftlerin Birgit Jeggle-Merz der Bedeutung der Gemeinschaft der Gläubigen im Gottesdienst nicht gerecht, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) herausgehoben hat.

Beide Theologinnen befürchten dadurch die Rückkehr zu einem übermäßig auf den Priester zentrierten Gottesdienst, vor allem, wenn er allein vor der Kamera zelebriert. In Polen dagegen geben Gottesdienste, die der Priester alleine feiert, kaum Anlass zu Diskussionen, wie der Oppelner Moraltheologe Konrad Glombik berichtete. Weiter umstritten ist dort dagegen die pandemiebedingte Empfehlung eines Kommunionempfangs, bei der Gläubigen die Hostie nicht mehr – wie in Polen bislang üblich – vom Priester auf die Zunge, sondern wie auch in anderen Ländern auf die Hand gelegt wird. Die Frage, ob das Virus solche Änderungen der kirchlichen Praxis rechtfertigt, wird indes auch im Fall der Handkommunion kontrovers diskutiert.

Schwache Stimme der Kirche in der Krise

In Fragen, die „Corona“ aufgeworfen hat, erwarten die Gläubigen, aber auch die Gesellschaft insgesamt, dass sich die Kirchenleitungen mehr zu Wort melden, wie bei der Konferenz deutlich wurde. So vermisst die Schweizer Dogmatikerin Eva-Maria Faber eine Stellungnahme der Bischöfe dazu, dass bei den Anti-Corona-Maßnahmen des Alpenstaates nach ihrer Einschätzung die Wirtschaft einen höheren Rang einnimmt als der Infektionsschutz der Menschen. Als einen Grund für die schwache Stimme der Kirche in der Krise nannte sie die „Uneinigkeit“ der Bischöfe.

Außer den Kontroversen über digitale Gottesdienstformate hat die Pandemie der Kirche in Slowenien – wie in allen Staaten ohne Kirchensteuer – auch massive finanzielle Probleme gebracht, wie der Sozialethiker Roman Globokar (Lubljana) betonte. Weniger oder gar keine Besucher der Gottesdienstes minderten entsprechend die Spendeneinnahmen. Die Leidtragenden sind nach Globokars Worten nun vor allem die Katechetinnen und Katecheten, die in den ersten Monaten der Pandemie in den Gemeinden präsent waren, als mancher Priester abgetaucht war.

Von Gregor Krumpholz (KNA)