Bistum Essen: Neuer Höchstwert an Kirchenaustritten

Das Bistum Essen verzeichnete im vergangenen Jahr einen neuen Höchstwert an Kirchenaustritten. Das geht aus der Jahresstatistik für 2021 hervor, die das Bistum jetzt veröffentlicht hat.
Das Bistum Essen verzeichnete im vergangenen Jahr einen neuen Höchstwert an Kirchenaustritten. Das geht aus der Jahresstatistik für 2021 hervor, die das Bistum jetzt veröffentlicht hat.

Generalvikar Klaus Pfeffer. Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen

Essen – Noch gut 700.000 Mitglieder zählte die katholische Kirche im Bistum Essen Ende des vergangenen Jahres. Das zeigt die Jahresstatistik für 2021, die das Bistum Essen am Montag zeitgleich mit den Statistiken aller katholischen Bistümer in Deutschland veröffentlicht hat. 2010 waren noch fast 850.000 Männer, Frauen und Kinder Mitglied der katholischen Kirche im Ruhrbistum.

Innerhalb eines Jahres hat das Bistum 20.885 Mitglieder verloren – knapp die Hälfte davon durch Kirchenaustritte. Die andere Hälfte vor allem durch einen statistischen „Sterbeüberhang“ sowie durch mehr Fort- als Zuzüge. Dabei markieren die 9.133 Kirchenaustritte einen historischen Negativrekord: Noch nie seit der Gründung des Bistums Essen 1958 haben binnen eines Jahres so viele Menschen von sich aus die katholische Kirche verlassen. Und selbst wenn man – angesichts der Corona-Pandemie lange Zeit stark eingeschränkter Austritts-Möglichkeiten in 2020 – die Werte der Jahre 2021 und 2020 zusammen betrachtet, liegt der Mittelwert mit 7.230 immer noch auf dem Niveau der Höchstwerte vergangener Jahre. Dies gilt nicht nur in absoluten Zahlen: Erstmals sind 2021 in einem Jahr mehr als ein Prozent der Kirchenmitglieder ausgetreten.

Pfeffer: „Schier unaufhaltsam steigender Vertrauensverlust“

Für den Essener Generalvikar Klaus Pfeffer sind die Zahlen ein klares Zeichen „eines schier unaufhaltsam steigenden Vertrauensverlustes der katholischen Kirche“, den vor allem die schrecklichen Missbrauchstaten von Priestern und anderen kirchlichen Mitarbeitenden ausgelöst hätten. Es sei „fatal“, dass die Aufarbeitung der Verbrechen bundesweit uneinheitlich erfolge und sich über einen sehr langen Zeitraum hinziehe. 

Hinzu komme, dass es innerhalb der deutschen Kirche höchst unterschiedliche Auffassungen darüber gebe, welche Konsequenzen aus den Erkenntnissen der verschiedenen Untersuchungen zu ziehen sind. „Selbst unter vielen treuen Gläubigen herrscht inzwischen der Eindruck vor, dass die Kirche es nicht wirklich ernst meint mit der Aufarbeitung“, erklärt Pfeffer.  Das führe zu einem erheblichen innerkirchlichen „Frust“ – bis hin zu Kirchenaustritten von Menschen, „die sich bis vor kurzem niemals hätten vorstellen können, ihre Kirche zu verlassen.“ 

Bistum will für Erneuerung der Kirche einstehen

Das Bistum Essen werde aber weiterhin – auch im Rahmen des bundesweiten Dialogprozesses Synodaler Weg – für einen entschiedenen Weg der Erneuerung der Kirche einstehen. „Wir stellen uns unserer Geschichte und wollen verstehen, was alles zu den Verbrechen der zurückliegenden Jahre beigetragen hat und was wir verändern müssen“, so der Generalvikar mit Blick auf die laufende Aufarbeitungsstudie im Ruhrbistum, die Anfang des kommenden Jahres veröffentlicht werden soll.

Der Generalvikar erkennt in der Jahresstatistik allerdings auch, „wie sehr die Pandemie die schon vorher zum Teil versteckten Veränderungs- und Abbruchprozesse in unserer Kirche wie ein Brandbeschleuniger massiv verstärkt hat.“  Zwar hätten die Zahlen etwa bei Taufen und Trauungen im Vergleich zum ersten Corona-Jahr wohl auch durch Nachholeffekte deutlich zugelegt. Dennoch habe es 2021 in den Kirchen des Ruhrbistums nur etwa halb so viele katholische Eheschließungen gegeben wie vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Es sei sehr deutlich, dass sich die religiöse Praxis der Menschen immer schneller verändere. „Darauf haben wir in unserer Kirche bislang noch keine abschließenden Antworten gefunden“, gesteht Pfeffer ein. Das zeige sich auch darin, dass die Gottesdienste von immer weniger Menschen besucht würden.

Stärkere ökumenische Kooperationen möglich und sinnvoll

„Ich bin aber froh und dankbar, dass unsere Pfarreien, die Verbände und viele weitere katholische Organisationen und Einrichtungen sich dieser Situation stellen und gerade jetzt nach der belastenden Corona-Zeit mit ihren Lockdowns neue Initiativen starten, beliebte Angebote wieder aufgreifen und auch manches Überkommene auf den Prüfstand stellen“, sagt Pfeffer. Da auch die evangelische Kirche kleiner werde, seien hier vielerorts auch noch stärkere ökumenische Kooperationen möglich und sinnvoll. „Als Christinnen und Christen müssen wir zusammenrücken und die konfessionellen Grenzen überwinden“, so Pfeffer. Statt den Selbsterhalt von Gebäuden, Gruppen oder Institutionen in den Vordergrund zu stellen, müssten sich kirchliche Angebote konsequent an der Frage orientieren, „was Menschen mit Gott in Berührung bringt“ und dazu beitrage, die christlichen Werte in das gesellschaftliche Leben einzubringen.

Pfeffer dankt allen Menschen, die „trotz Zweifeln und berechtigter Kritik auch weiterhin Mitglied der Kirche sind und mit ihrer Kirchensteuer helfen, Seelsorgerinnen und Seelsorger, aber auch Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie viele Mitarbeitende in den caritativen Einrichtungen zu beschäftigen sowie Kirchen, Kitas, Schulen und zahlreiche soziale Angebote der Kirche in unserem Bistum zu unterhalten.“ Insbesondere die vielen Einrichtungen der Caritas seien in den letzten Krisenjahren von besonderer Bedeutung gewesen. Die finanzielle Unterstützung der Gläubigen und das immense ehrenamtliche Engagement der Christinnen und Christen seien unerlässlich für das Wirken der Kirche für die Gesellschaft. „Hier wollen wir mit den Möglichkeiten, die wir haben, auch weiterhin ein starker Partner für die verschiedenen Gruppen unserer Gesellschaft sein – vor Ort in unseren Pfarreien und auf der Ebene unseres Bistums für das ganze Ruhrgebiet und das märkische Sauerland“, so Pfeffer.